Bloggen im KI-Zeitalter

  • Andreas Petersell am 21.06.2026
  • Essays

Wofür schreibe ich noch “How-To”-Artikel, wenn die KI ihn in drei Minuten schreibt und ich drei Stunden benötige?

Ich stieß neulich auf einen Blogpost von Tim Ferris, der meine Theorie bestätigt: Das Bloggen von “How-To”-Artikeln wird verschwinden. Generell.

Er berichtet, dass seine Buchverkäufe, die ja meistens Ratgeber-Bücher sind, ins Bodenlose abstürzten.

If “how-to” books are getting crushed because LLMs seem to provide faster, cheaper, and more personalized advice… What’s next on the chopping block? Online courses, newsletters, advice blogs. Same logic. Anything with a core value proposition of “transferring instructions from my head to yours” is now competing with an interface that does it instantly, conversationally, and for free.

Mein letzter Artikel dieser Art war einer über AsciiDoc mit Docker. Ich habe mich zwei, drei Stunden intensiv mit dem Problem beschäftigt. Als ich eine Lösung gefunden hatte, war ich stolz darauf und habe sie als Blogpost veröffentlicht. Natürlich auch, um als Technischer Redakteur sichtbarer zu werden.

Aber heute schreibt eine KI diesen Artikel in drei Minuten. Das heißt, sie erstellt die Datei und lädt sie hoch ins Repository. Diese Art von Artikel werde ich also nicht mehr schreiben können. Es würde niemanden interessieren. Die Zeit der Naivität ist vorbei. Bloggen steht ab Februar 2026 in einem völlig anderen Kontext.

Eine ähnliche Konstellation war das Veröffentlichen von Druckwerken in der Diktatur: Jedes Buch, das in der DDR zwischen 1949 und 1989 erschien, hatte als Folie die staatliche Zensur im Hintergrund. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Das Buch erschien trotz der Zensur. Oder es erschien gar nicht.

Der DDR-Schriftsteller Jurek Becker hatte das so beschrieben:

Jedes Buch war entweder erlaubt oder verboten, etwas Drittes gab es nicht. Selbst wenn ein Autor etwas schreiben wollte, was die politische Zensur nicht berührte, musste er mit dem Verdacht fertig werden, dass er es nur deshalb tat, um der Zensur aus dem Weg zu gehen. Das ist ja eine der fatalsten Folgen der Zensur: dass alle nicht verbotene Literatur mit dem Geruch existieren muss, erlaubt zu sein.

Genau so existiert jeder Blogpost jetzt vor der Folie der KI. Der Leser liest Blogposts mit folgender Frage im Hinterkopf: Hätte ich den Inhalt auch von der KI bekommen können? Wenn ja, ist der Artikel nicht lesenswert. Denn in der KI kann ich selbst prompten. Im Blogpost nicht.

Ich weiß noch nicht, wohin die Reise als Blogger geht. Selbst das Schreiben über KI-Workflows — wie man mit der KI Aufgaben erledigt — ist obsolet. Denn jeder Mensch kann die KI selbst befragen oder gleich befehligen: Erstelle mir einen Workflow, um XYZ zu erreichen.

Was bleibt dann noch? Vermutlich das, was die KI nicht hat. Nicht die Lösung, sondern der Weg dorthin. Es wird keine “How-To”-Artikel mehr geben, aber es braucht Anstöße. Der Leser braucht Inspiration, um sich dann ans Prompten setzen zu können.

Oder es bleibt nur die eigene Meinung.