Diagonale - Der Anfang

Andreas Petersell am 05.05.2020

Zwei Jahre habe ich regelmäßig an meinem Roman Diagonale (Exposé) geschrieben. Wird Zeit, dass ich mich wieder ransetze und weiter schreibe (Alle Rechte liegen beim Autor).

Prolog

Von Andreas Petersell am 04.09.2017, Gero


Er merkte noch das Zucken. Aber egal, jetzt stand fest, er konnte es nicht mehr verhindern. »Heil Hitler!« brüllte Levin.
So weit war es schon gekommen. Da stand er in seinem eigenen Keller und ließ wie ein Hampelmännchen seinen Arm zum Deutschen Gruß hochschnellen! Seine Angst zog wieder an der Strippe, mit dem Zucken im Arm als Vorbote.
»Hamse wat ausjefressn, Herr Levin? Oder warum so förmlich?«
»Ach sie sind´s, Frau Malitzke. Nee, Kohlenstapeln.«
»Hab ick Sie nich neulich schon hier wie´n Schornsteinfejer rumkrauchen sehen? Wie Sie wieder aussehen!«
»Na, als Jude muss ich sehen, wo ich was herkriege. Und wenn es Kohlen sind bei 30 Grad. Muss der Kohlenfritze eben zweimal kommen!«
Die Malitzke kam mal mit einem Eimer, um Kartoffeln zu holen, mal suchte sie fluchend ein bestimmtes Weckglas. Gottseidank überließ der Scharführer den Keller seiner Frau.
»Recht hamse. Für unser eener is it och nich leicht. Wat is denn dit?«
Mist! Das Hampelmännchen hielt zu allem Überfluß eine Maurerkelle in der Hand.
»Lag im Keller. Hat wohl der Vormieter vergessen.«
»Jeben Se mal her. Vielleicht kann Erwin dit jebrauchen.«
Völlig überrumpelt überließ Levin Frau Malitzke die Maurerkelle, die sich damit nun gemächlich der Kellertreppe zuwandte. Es gibt Augenblicke im Leben eines Menschen, die dauern ewig. Es kam ihm vor, dass die Malitzke schon seit ewigen Minuten die Treppe hoch stampfte, so lange, wie Levin die Ereignisse der letzten Wochen im Schnelldurchflug erlebte. Wie er heimlich Schmuckstück für Schmuckstück aus dem Juweliergeschäft in Mitte durch den braunen SA-Mob nach Hause schmuggelte. Die Hilfspolizisten gierten förmlich nach Anlässen, ihn schikanieren zu können. Dann das heimliche Hämmern eines Spalts in die Fußbodenoberfläche, genau an der Wand. Bis die mit Schmuck vollgestopften Metallkästchen sich tief genug versenken ließen. Er kannte die Zeiten der Straßenbahn auf die Sekunde. Wenn die Malitzke einkaufen ging und das Grollen der Straßenbahn durch die Wilhelminenhofstraße bebte, schlug er wie ein Verrückter auf den Meißel ein. Und das sollte das Hampelmännchen gerade alles verraten haben? Selbst Frau Malitzke würde frischen Mörtel vom bröseligen Rost unterscheiden können. Dazu bedürfte es nicht einmal eines Scharführers.
Dabei hatte die Malitzke ihn erst darauf gebracht, die Juwelen zu verstecken, und eben nicht nach Dänemark mitzunehmen. Eines Nachmittags wedelte sie mit der neuesten BIZ über das Fensterbrett. »Schon jelesen? Jöring plant n Jesetz, dass alle Juden vorm Finanzamt die Hosen runterlassen solln.« Er hatte geglaubt, ein Lächeln über ihrem Gesicht huschen zu sehen. Aber irgendwie genoss sie es mit ihm. Seinen Deutschen Gruß brauchte sie nicht erwidern. Aber einen Juden als Gesetzesbrecher würde sie nicht dulden. Das nicht zu melden, war viel zu gefährlich.
»Frau Malitzke, warten Sie!« Levin rannte zum gefüllten Kartoffeleimer, den die Malitzke vor ihrem Kellerverschlag vergessen hatte und hievte ihn die Kellertreppe hoch. »Ihre Kartoffeln!« Er griff zielsicher zur Maurerkelle, zog sie an sich und drückte ihr dafür den Eimer in die Hand. Kopfschüttelnd rief sie etwas Ähnliches wie »Tte, Sachen jibts«. Gero Levin war es egal. Er ging die Treppe hinunter, schoss eine deutsche Kartoffel mit Wucht den Kellergang entlang und sah ihr hinterher, wie sie im Keller des Scharführers verschwand. Dann begann er vorsichtig, Brikett für Brikett auf die schon getrockneten Stellen zu stapeln.

Michael I

Von Andreas Petersell am 04.02.2017, 33UUU 98781 12353, Michael und Gabriele


Michael schlich sich in sein Zimmer zurück. Sein Zimmer - das war eine ausgebaute ehemalige Waschküche unterm Dach. Und der Weg dahin führte übers Treppenhaus. Leise schloss er die Wohnungstür, um sofort drei Stufen nach oben zu nehmen und sich mit einer Hand am Geländer über die nächsten drei Stufen zu katapultieren. Die Drehung auf dem Treppenabsatz war ohne den Klammergriff der Linken am Geländer nicht vorstellbar. Die rechte Hand federte den Aufprall seines Körpers an der Wand ein wenig ab, um dann das zu machen, was die Linke zuvor gemacht hatte: Spur halten. Er konnte, oben angekommen, nie genau sagen, wie er es im Dunkeln heil ins Zimmer geschafft hatte. Er wusste nur, dass 6 Sekunden seines Lebens um waren.
Er öffnete die Dachluke einen Spalt, so dass kalte Luft und die Lautsprecherdurchsage vom Bahnhof Schöneweide eindrangen. Schnell zog er sich etwas an und machte sich auf seinen alten Schulweg. Gabriele hatte heute Abend Elternversammlung. Er wollte sie von der Schule abholen und nach Hause begleiten. Wenn sie alles im Griff hatte, war die Versammlung um 20 Uhr zu Ende. Michaels Wohnung lag in einer Sackgasse. Sobald er durch den Torbogen die Gasse verlassen hatte, war keine Eile mehr geboten. Michael drosselte seinen Schritt. Trotz der Dunkelheit konnte er sie nicht verfehlen, denn es gab nur diesen einen Weg von der Schule zum Bahnhof. Vereinzelt kamen ihm Leute entgegen, die wohl sonst an einem Montagabend nicht mehr unterwegs waren. Das konnten nur Eltern sein. An der Schule wartete er vorm Haupteingang, den er, hell erleuchtet wie er war, gut einsehen konnte. Nach vier Atemwölkchen erschien sie im Eingangsbereich und bewegte sich dem Ausgang entgegen. Sein Herz machte Freudensprünge. Nur sie bewegte sich so mit ihrer schweren Lederumhängetasche und ihren geraden, hochgezogenen Schultern. Doch ihr Schritt verlangsamte sich plötzlich, um schließlich ganz stehen zu bleiben. Michael traf die Erkenntnis wie ein Blitz. Nicht nur sie hatte Elternversammlung, auch ihre Kollegen! Mit ihr kam eine zweite Person durch die Tür nach draußen. Die Günther! Scheiße, ausgerechnet die! Aber für eine Flucht war es bereits zu spät.
»Michael!«
Er wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte, als er in Gabrieles erstauntes Gesicht blickte. »Guten Abend«, ließen die schmalen Lippen der Günther verlautbaren. Frau Günther war die Mathe-Physik-Lehrerin in den Mittvierzigern, die das Gleichheitszeichen wie mit einem Donnerkeil schrieb. Dermaßen aufgeschreckt und von Kreidewolken umgeben, mussten die Schüler unweigerlich an eine Naturkatastrophe denken. Nur die Reihenfolge war anders. Auf den Donner und Wolken folgte der Blitz in Form einer Frage, die nur aus einem Namen bestand.
»Pötzel?«
Durch solch eine Kreidewolke hindurch hörte Michael sich sagen »Am liebsten würde ich da jetzt in einer dieser Plattenspalten verschwinden…« Er hob seinen Kopf nicht mehr. Gott sei Dank war es dunkel. Die Sekunden vergingen wie Stunden.
»Kommst Du mit zum Bahnhof?«
Gabriele war ein Meister der Konversation. Manchmal schien es Michael zu meisterlich. Nämlich dann, wenn er gerade voller Zärtlichkeit für sie war und sie einfach nur nett zu ihm. So nett wie zu einem Mütterchen am Fußgängerüberweg. Aber jetzt war er für ihre Nettigkeit einfach nur dankbar.
»Ja, jetzt, wo wir sowieso schon den gleichen Weg haben.« Michael hob noch immer nicht den Blick, doch er spürte regelrecht, wie sich die schmalen Lippen der Günther zu einem Grinsen formten.
Die beiden Kolleginnen plauderten drauf los und schienen Michael nicht mehr wahrzunehmen. Ihm war es recht. Er überlegte sowieso die ganze Zeit, wie er reagieren sollte, wenn sie vor seiner Tür standen. Schließlich wohnte er genau zwischen Schule und Bahnhof. Er konnte jetzt unmöglich als begossener Pudel wieder abdrehen.
»Ich bringe dich noch zum Bahnhof.«, sagte Michael plötzlich, als sie den Torbogen passierten. Er sah Gabriele lächelnd an. Sie sagte nichts, also auch nicht »Nein«. Bis zum Bahnhof liefen sie nun schweigend einher. Frau Günther musste zur Straßenbahn, so dass er Gabriele endlich allein zum Bahnsteig hoch begleiten konnte.

Michael II

Andreas Petersell am 26.09.2017, 33UUU 95533 16945, Michael und Gabriele


Als die beiden den Bahnsteig erreichten, sahen sie gerade noch die Rücklichter einer S-Bahn. Ihm war es recht. Von ihm aus konnte er Stunden mit ihr auf dem Bahnsteig verbringen. Doch da hörte er das Klicken des Fahrtrichtungsanzeigers. So war es immer. Erst der ohrenbetäubende Lärm des abfahrenden Zuges, der allmählich leiser wurde und langsam in ein Klicken überging. Der Anzeiger blätterte wild. Es kam schon mal vor, dass die eine Hälfte des Anzeigers es nicht schaffte, und komische Ziele wie oben Pankow und unten Friedrichstraße zur Anzeige kam. Doch kein Wunder geschah. Einfach nur Pankow. Es war auch egal, was zur Anzeige kam. Er hatte mit Gabriele jetzt noch vier S-Bahnstationen und einen Spaziergang durch den Treptower Park. Das Donnern von aufgehenden S-Bahn-Türen ließ ihn aufwachen. Er ging einfach mit Gabriele in den Waggon hinein. Keiner fragte oder sagte etwas. Sie wussten, dass wenn sie gemeinsam Zeit verbringen wollten, sich die Gelegenheit nicht immer aussuchen konnten. Jeder Ort zu jeder Zeit war gut. Sie blieben an der Tür stehen. Michael bildete sich ein, ihr so näher sein zu können, vertrauter. Dabei konnte er sich nicht beklagen. Zu vielen Gelegenheiten war er Gabriele so nah, dass es näher gar nicht mehr ging. Doch in der Bahn war alles anders. Sie war so nah und so weit weg. In der Bahn hatte er nur Augen für sie. Fuhr er allein, sah er sie schon manchmal, die Pärchen, die knutschend an der Tür lehnten. Einige noch jünger als er, dass er Zweifel hatte, dass diese übers Knutschen hinausgekommen waren. Das Abfahrtsignal leuchtete rot auf. Plötzlich kamen mitten in den bedrohlichen Signalton zwei Menschen durch den Türspalt geschossen. Ein Pärchen in Gabrieles Alter. Dem Mann gelang es, einen Haltegriff zu erwischen und mit der anderen Hand seine Begleitung vor dem unvermeidlichen Aufprall abzufedern.
»Hallo Sebastian«, rief Gabriele erfreut und erstaunt zugleich.
Na toll. Erst Frau Günther, jetzt ein Sebastian mit Bart. Immerhin hatte dieses Sinnbild von einem Mann eine Frau an der Hand. Sebastian schien endlich zu kapieren, dass sein Leben nach der Heldentat weiterging, und lachte Gabriele an.
»Du, Gabriele?« Sie umarmten sich zur Begrüßung. Gabriele zeigte auf Michael.
»Das ist Michael. Ein ehemaliger Schüler von mir.«
Michael zwang sich zu einem Lächeln und nahm Sebastians ausgestreckte Hand entgegen. Den Namen von Sebastians Begleitung hatte er im selben Moment wieder vergessen. Es stellte sich heraus, dass Gabriele und er mal Kommilitonen waren und sich wohl öfter auf Jazzkonzerten gesehen hatten. Die vier Stationen zogen sich diesmal in die Länge. Der Stich saß tief. Ein ehemaliger Schüler! In diesen Momenten, wenn Gabriele von ihm als »ehemaligen Schüler« sprach, war er richtig sauer auf sie. Er wusste aber zu gut, dass er nichts dagegen sagen konnte. Maximal etwas machen. Aber was?
Als sie im Bahnhof Plänterwald einfuhren, sah er die beleuchteten Hochhäuser hinter der Mauer. Gabriele kam ihm gerade vor, wie diese Hochhäuser in West-Berlin. Jeder konnte sehen, dass es sie gab, doch gab es sie nicht wirklich. Nicht in der Wirklichkeit der Menschen. Sie waren unwirklich. Er hatte sich fest vorgenommen, auf seiner ersten Westreise als Rentner diese Hochhäuser zu besuchen. Sollte er auch so lange warten müssen, bis Gabriele zu ihm stand? In Treptow stiegen Gabriele und Michael aus. Auf der Parkseite war es düster. Sie gingen den spärlich beleuchteten Parkweg entlang, der im großen Bogen zu ihrem Haus führte. Gabriele legte ein ziemliches Tempo vor. Michael dachte daran, wie er vor zwei Jahren mit ihr hier lang lief. Es war Sommer. Und sie schlenderten von Laterne zu Laterne, um sich immer wieder zu küssen und zu streicheln. Dabei glitt seine Hand in ihre Hose bis zum Schritt. An alle nachfolgenden Laternen hatte Michael keine Erinnerung mehr. Heute Abend war es anders. Es war kalt und die Laternen reihten sich auf wie zu einem Countdown. Er würde zum Abschied einen Kuss brauchen, so viel wusste er schon.
»Hätte ja gut gehen können. An deine Kollegen habe ich gar nicht gedacht.«
»Meinst Du Frau Günther? Sie wird´s überleben.«
»Und du?«
Sie lachte. »Auch. Was ist denn passiert? Ein ehemaliger Schüler hat mich zum Bahnhof begleitet. Mehr nicht.«
Michael spürte wieder einen kurzen Stich in seiner Brust. Wie immer, wenn sie von ihm nur als dem »ehemaliger Schüler« sprach. Aber unter diesen Vorzeichen hatte die verhasste Bezeichnung wohl seine Berechtigung.
»Sie beobachtet uns doch schon seit zwei Jahren. Am nächsten Tag lässt sie ein, zwei süffisante Bemerkungen fallen, mehr aber auch nicht. Sie ist eigentlich ganz in Ordnung.«
Vor Ihrer Tür beugte er sich zu ihr hinüber und küsste sie.

Gabriele I

Andreas Petersell am 04.10.2017, 33UUU 95831 16200, Gabriele


Gabriele rannte durch den dunklen Torbogen des Vorderhauses und nahm die ersten steilen Stufen. Michaels Küsse schmeckten anders, wenn Volker oben in der Wohnung war. Wie viel wärmer und zärtlicher waren die Küsse, wenn sie ihren Mann auf Arbeit wusste. Sie hatte gerade den Treppenabsatz zu ihrer Tür erreicht, als diese wie von Geisterhand sich langsam öffnete.

Dina I

Andreas Petersell am 16.10.2017, Dina und Dr. Schrödinger


»Rechtsanwaltskanzlei Schrödinger, mein Name ist Hasselfeld. Was kann ich für Sie tun?«
»Levin, Dina Levin. Guten Tag. Ich hätte gern Dr. Schrödinger gesprochen.«
»Darf ich fragen, in welcher Angelegenheit?«
»Ich habe im Nachlass meiner Mutter Dokumente gefunden, die vermuten lassen, dass sie seine Klientin in Immobilienangelegenheiten war. Speziell zu einem Grundstück in Berlin.«
»Sagen Sie mir bitte das Aktenzeichen?«
»Hm.« Dina schaute in diverse Briefköpfe, aber eine Nummer war nicht darunter.
»Ich kann nichts finden. Die Schriftstücke sind sehr alt, zum Teil handschriftlich.«
»Erstaunlich.« Dina hörte die gute Frau am anderen Ende förmlich denken.
»Wie, sagten Sie, war noch mal der Name?«
»Waltraud Levin, meine Mutter.«
»Nein, vom Rechtsanwalt.«
»Dr. Erwin Schrödinger.«
»Aha. Das ist der Vater von Dr. Bernd Schrödinger, meinem Chef. Warten Sie, vielleicht kann ich Sie durchstellen. Beim Chef ist gerade niemand.«
Dina hörte ein Knacken und anschließend James Last. Ihre Gedanken flimmerten plötzlich in schwarz-weiß. Wieder ein Knacken.
»Hallo Frau Levin, hier Schrödinger. Mein aufrichtiges Beileid. Wann ist Ihre Mutter verstorben?«
»Vor einer Woche.«
»Und Sie sind Ihre leibliche Tochter und Erbin?«
»Ja.«
»Alleinige Erbin?«
»Ich denke schon.«
»Gibt es ein Testament?«
»Nein.«
»Frau Levin, ich weiß, dass meinem Vater die Vertretung Ihrer Mutter in dieser speziellen Konstellation immer eine Herzenssache war.«
»Spezielle Konstellation? Wieso? Was steht denn drauf, auf dem Grundstück?«
»So viel ich weiß, nichts.«
»Nichts?«
»Na ja, vielleicht ein paar Stadtmöbel. Ich weiß gar nicht, ob die da sowas haben.«
»In Berlin?«
»Nicht Berlin. Ost-Berlin.«
»Oh, nicht doch, oder?«
»Doch!«
Dina hörte Schröder leise lachen. Sie war sauer, sauer auf sich selbst. Vielleicht war es ja einfach nur gerecht, dass sie lediglich Redakteurin einer Anzeigenzeitung in der norddeutschen Provinz war. Wieso hatte sie die Adresse nicht genauer recherchiert? Aus ihr würde nie eine investigative Journalistin werden!
»Herr Schrödinger, wie geht es jetzt weiter?«
»Wenn Sie möchten, helfe ich Ihnen in diesem Erbfall und darüber hinaus, vertrete ich Ihre Interessen bezüglich der Berliner Immobilie gegenüber dem Ost-Berliner Magistrat.«
»Magistrat, ist das so etwas Ähnliches wie der Berliner Senat?«
»Ja. Obwohl der Vergleich gewagt ist. Ich könnte Sie in 14 Tagen besuchen. Sie könnten aber schon einiges fotokopieren…«
»Herr Schrödinger«, unterbrach ihn Dina, »ich komme zu Ihnen. Ich muss sowieso nach Hannover. Ist Ihnen übermorgen recht?«
»Gern. Am Abend so gegen 18 Uhr in meiner Kanzlei.«
»Ich bringe alles mit, was ich finden kann.«
»Machen Sie vorsichtshalber Fotokopien, Frau Levin. Bitte geben Sie Frau Hasselfeld noch Ihre Kontaktdaten. Sie sagt Ihnen auch, wie Sie uns finden. Und bestimmt hat sie sich auch schon ein Aktenzeichen ausgedacht.«, lachte Schrödinger.
Dina gab Frau Hasselfeld ihre Adresse und Telefonnummer durch. Langsam beruhigte sie sich. Trotzdem erinnerte sie sich gerade jetzt an ein Mittagsmagazin im Fernsehen, wo des öfteren das Wort Erbausschlagung fiel. Vielleicht war es einfach das Beste?

Michael III

Andreas Petersell am 06.10.2017, 33UUU 98689 12433, Michael, Gabriele und Stasileute


Michael besaß eine stattliche Sammlung von 20-Pfennig-Münzen. Sie waren etwas Besonderes, denn sie waren goldfarben und schwer. Ganz im Gegensatz zu den restlichen Alu-Chips. Hauptsächlich waren sie die zu Messing gewordene Möglichkeit, die Stimme seiner Liebsten zu hören. Die Telefonzellen der Post schluckten nur diese echten Münzen. Ihr Scheppern im Schacht war eine Melodie, die in einem federnden Klicken gipfeln musste. Flink nahm er den Hörer ab, griff in die Wählscheibe und wählte Gabrieles Nummer.
»Ja bitte?«
Gott sei Dank, es war ihre Stimme! Auch wenn er sie nie nach 17 Uhr anrief, fiel ihm jedes Mal ein Stein vom Herzen, wenn er ihre Stimme hörte, und nicht Volkers. Er war für diesen Ernstfall gar nicht vorbereitet. Vor Schreck würde er den Hörer in die Gabel knallen und die Zelle fluchtartig verlassen.
»Ich bin´s, Michael.« Eigentlich hätte er jedes Mal gleich anschließen können »Wann kann ich dich sehen?«. Aber damit hätte er sie unnötig unter Druck gesetzt. Zumal sie das selbst nie mit Bestimmtheit hätte sagen können. Sie war Lehrerin, Ehefrau und Mutter. Planbar war da gar nichts, auch kein Ehebruch. Michael musste lernen, die Gelegenheiten selbst herbeizuführen, ganz zufällig. Er musste nur genau hinhören, wenn sie von den nächsten Tagen sprach.
»Hallo Michael, schön dich zu hören.«
»Na, hat Frau Günther noch was gesagt?«
»Ach, alles gut. Aber Volker hat uns gesehen!«
»Und?«
»Wenn er mich noch mal mit Dir erwischt, kann ich mir eine andere Bleibe suchen!«
»Ach Quatsch!«
»Michael, wir sollten uns eine Weile nicht sehen!«
Mal wieder! durchfuhr es ihm mit Schrecken. Diese Perioden der Eiszeit kennzeichnete er in seinem Taschenkalender täglich mit einem Kreuz. Die längste Eiszeit währte dreieinhalb Wochen.
»Er war sauer. Aber ernst gemeint haben kann er das nicht.«
»Trotzdem.«
»Wir wollten zum Diavortrag im Haus des Lehrers?«
»Prof. Lukas´ Reise nach Chicago, ja. Aber dann geht´s eben nicht.«
»Wir treffen uns davor. Jeder fährt allein dorthin, abgemacht?«
Sekunden des Schweigens. Erst jetzt nahm er die LKWs vom Autotrans wahr, die die Zelle zu zerlegen drohten.
»Okay, und nun?«
Michael konnte sein Glück nicht fassen.
»Ich freue mich. Und ich habe morgen Abend eine Art Vorstellungsgespräch in der Volkshochschule Köpenick in Schöneweide.«
»Toll.«
»Die wollen sich ein Bild von mir machen, wo schon meine Noten nicht berauschend waren. Eine Eins in Englisch hat denen nicht gereicht.« Michael konnte schon wieder grinsen. Seit der 8. Klasse hatte er immer eine einsame Eins auf den Zeugnissen. Die von Gabriele.
»Ich drücke dir die Daumen. Für dieses Jahr noch?«
»Nächstes Jahr. Ich muss erst einen Abiturvorbereitungskurs besuchen. Russisch, Chemie, Physik, Mathe.«
»Kein Marxismus-Leninismus?«
»Doch, Staatsbürgerkunde.«
»Ich muss jetzt Konstantin abholen. Wir sehen uns am 15. März um dreiviertel drei vorm Haus des Lehrers.«
»Alles klar. Bis bald.«
Er wartete, bis sie aufgelegt hatte. Danach legte er langsam den Hörer auf die Gabel. Michael ging es nach einem Telefonat mit Gabriele nie besonders gut. Manchmal standen schon Leute vor der Zelle, die ihn erbost anschauten. Michael zählte sich zu den zahmen Typen, aber böse gucken konnte er dann auch. Das waren ja fast drei Wochen, die er Gabriele nicht sehen sollte! Schnell versuchte er eine Bewertung für die neue Lage zu finden. Und die ging so: Er hatte als Elektrikerlehrling sowieso 14 Tage Praxis auf der Baustelle. Er musste also täglich bis 16:30 Uhr arbeiten und war erst viertel sechs zu Hause. Viel zu spät, um Gabriele sehen zu können. Und nebenbei auch viel zu kaputt. Sein Tag im Werk für Fernsehelektronik bestand im Wesentlichen darin, das Leben eines Kabel-Frettchens zu führen. Die Lehrlinge wurden mit dem Kabelanfang auf die riesigen Luftkanäle gescheucht, damit diese dann die Kabel in die darüber hängenden Kabelkanäle legten. Nicht, ohne vorher das Kabel 100 Meter und länger über die Kanäle zu ziehen, während die Arbeiter unten gemütlich an der Kabeltrommel drehten. Die Lehrlinge kamen als verdreckte Schornsteinfeger wieder runter. Aber Kabel wollten zu etwas Nutze sein. Sie sollten Leuchtstofflampen zum Leuchten bringen. Also mussten die Lehrlinge sich anschließend mit einer Schlagbohrmaschine bewaffnen und auf der Leiter stehend kopfüber Löcher für die Lampenaufhängung bohren. Dann war auch das letzte blaue Fleckchen der Arbeitskluft betongrau. Die ganze Straßenbahnfahrt fühlte er sich dann noch zappelnd am Beton hängen. Sein zitternder Gang führte ihn dann meist direkt ins Bett.
Michael bog in den Torbogen ein. Die Sonne stand schon tief. Sein überlanger Schatten durchmaß den gesamten Torbogen. Doch nach drei Schritten gebar sein Schattenmann zwei neue Köpfe und jede Menge Beine. Er wollte sich umdrehen, doch spürte er plötzlich einen Schmerz im linken Arm. Dann donnerte eine Hand in seinen Nacken und drückte ihn nach unten.
»Was soll das!«, schrie Michael seinen Schmerz hinaus. Sein Arm über die Schulterblätter nach oben gedrückt, tat höllisch weh. Zwei Männer rechts und links beugten sich zu ihm herunter.
»Loslassen!«
»Schnauze! Hör gut zu. Du lässt deine ehemalige Lehrerin in Ruhe, verstanden?«
»Hä?«
Seinen Arm durchzuckte ein neuer Schmerz.
»Ja«, hörte sich Michael sagen. Er sah kackbraune Schuhe aus beigefarbenen Stoffhosen erwachsen. Die Typen eben vor der Telefonzelle! Sie waren ihm gefolgt, statt zu telefonieren. Sein Arm wurde langsam nach unten gelassen, während die Hand in seinem Nacken ihn nach unten drückte, bis er auf dem Gehweg kniete.
»Du zählst bis fünfzig und drehst dich nicht um, klar?«
Michael nickte. Der Schmerz war zu groß und ihm war alles egal. Durch den LKW-Lärm hindurch hörte er blecherne Wartburg-Türen scheppern, gefolgt von einem schrillen Zweitakteraufschrei, der knatternd sein Leben aushauchte. Eine Frau kam auf ihn zu. Schnell stand er auf und ließ sie ohne eine Antwort stehen. Michael stampfte wie in Trance die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Wer wusste, dass er etwas mit seiner ehemaligen Lehrerin hatte? Eigentlich alle, denen er vertraute. Und Gabrieles Mann. Wenn er jedoch Gabriele von dieser schmerzhaften Begegnung erzählen würde, wäre ihre Verunsicherung groß. Nein, das würde nichts bringen. In seiner Hosentasche klimperten die schweren Zwanzig-Pfennig-Stücke. Er beschloss, wieder einige davon für profanere Dinge auszugeben.

Dina II

Andreas Petersell am 01.11.2017, Dina


Nach dem Telefonat mit Dr. Schrödinger fuhr Dina mit der Sichtung der Unterlagen fort. Jetzt jedoch mit dem Fokus auf das Grundstück. Zuvor hatte sie sich zu leicht von Fotos und Briefen ablenken lassen. Mutter hatte nie viel von Vater erzählt, nach dem er in Amerika geblieben war. Und der Große Teich war für eine Jugendliche nach dem Krieg einfach zu groß. Er war gleichbedeutend mit der Tatsache, dass Vater nicht so schnell wieder in ihr Leben treten würde. Sie musste sich jetzt konzentrieren. Übermorgen hatte sie den Termin bei Schrödinger. Und morgen würde sie keine Zeit fürs Sichten haben. Sie musste das Layout und die Endredaktion mit einem Kollegen durchführen. Sie wusste, dass sie morgen in der Redaktion die Artikel nicht gegenlesen würde. Sie würde nur auf die Überschriften achten. Von den gröbsten Rechtschreibfehlern erfuhr sie dann aus den Leserbriefen, wenn schon sonst keine kamen. In ihrer kleinen Stadt durfte sie niemandem groß auf den Schlips treten. Alle waren aufeinander angewiesen.
Ihr Leben verging bisher in geregelten Bahnen, mal abgesehen von den hässlichen Scheidungsmonaten vor zehn Jahren. Sie hatten zwei Töchter großgezogen. Als diese ins Gymnasium wechselten, fing sie wieder an zu arbeiten. Sie trug die Anzeigenzeitungen aus, bis sie anfing, die Anzeigen von den Coupons ins Reine zu schreiben. Bis sie anfing, die Veranstaltungstipps zu veröffentlichen. Bis sie anfing, Veranstaltungsrezensionen zu schreiben. Bis sie das wurde, was sie heute war: Chefredakteurin eines höhepunktlosen Zufriedenseins.
Und auf einmal tat sich vor ihr eine spannende Familiengeschichte auf. Mit verstörenden Erkenntnissen: sie stieß immer wieder auf den Begriff Mischehe. Für sie war das einfach nur Nazijargon. Doch dieses Wort fand sich ausschließlich auf Briefen und Schriftstücken mit dem Davidstern. Und sie sollte Grundstücksbesitzerin eines Grundstückes hinter dem Eisernen Vorhang werden! Wenn sie ihr Grundstück besuchen würde, musste sie täglich einen Obulus von 25 DM zahlen. So jedenfalls war es neulich erst wieder im Fernsehen zu hören. Dina war fest entschlossen, sich ihrer Vergangenheit und Gegenwart mit Haut und Haar zu stellen. Oder besser: mit dem Stift in der Hand als Journalistin.
Den Dokumenten sah man leider nicht sofort an, worum es ging. Jedes Blatt musste angelesen werden. Dina öffnete den nächsten Umschlag, der nicht adressiert war. Das einzige Blatt darin war fast leer. In der Mitte stand das Wort Schmuckkollektion, gefolgt von einer Ziffern- und Buchstabenkombination 33UUU9949413391. Sie wusste, dass ihr Vater Juwelier war und so kam ihr das Wort vertraut vor. Aber die Ziffern? War es eine Schließfachnummer? Oder eine Kontonummer? Sie beschloss, das Blatt Dr. Schrödinger zu zeigen. Sie packte die Kisten mit den Briefen und Fotos ins Auto und fuhr nach Hause.

Michael IV

Andreas Petersell am 06.10.2017, 33UUU 99503 13322, Michael


Es gab Momente im Leben, da konnte sie ihm gar nichts! Heute, am Sonntag zum Beispiel. Da war die Bahnhofsuhr wie ein zahnloser Tiger. In der Woche aber, wenn er aus seiner Sackgasse trat und sich dem Bahnhof näherte, fixierten seine Augen ängstlich den großen Zeiger. Jetzt spazierte er seelenruhig unter ihr hindurch. Die Bahnhofsuhr war das Ortseingangsschild für Schöneweide: Achtung! Sie verlassen jetzt den Sektor der wohlbehüteten Kindheit! Hier beginnt die Erwachsenenwelt!, mahnte ihr großer Zeiger. Sonst waren verschlafene und nach unten guckende Gestalten wie in einer Traube um ihn herum, um sich über die Treppenstufen auf den Bahnsteig zu ergießen. Er ließ die Treppen links liegen und spazierte durch den Fußgängertunnel in die Brückenstrasse. Eine klapprige Straßenbahn hatte sich vorgenommen, auch die restlichen Anwohner endgültig zu wecken. Aus Gewohnheit stoppte er vorm Uhren- und Schmuckgeschäft Kühn und drückte sich am Schaufenster die Nase platt. Als Kind hatte er es genossen, draußen zu warten, während seine Mutter drinnen in der Warteschlange stand, um ihre reparierte Uhr abzuholen. Die Auslage am folgenden Buchladen zeigte nichts Neues. Die Bückware lag auch sicher ganz woanders. Vor der Kneipe Haltestelle beschleunigte er seinen Schritt. Auf der Treskowbrücke sah er in das schmutzig-gelbe Antlitz von Oberschöneweide, mit seinen Schornsteinen und Oberleitungsdrähten. Ab jetzt sollte es Arbeit geben für seine Praktica MTL5. Jahrelang war er vorher mit seiner Exa 1b ohne Sucher umher gelaufen. Als ob das von oben Reingegucke nicht schon schlimm genug war, musste er davor noch mit einem Belichtungsmesser rumtänzeln. An bewegliche Motive war da kaum zu denken. Bis er neulich 848 Mark für eine Spiegelreflex mit Sucher und eingebautem Belichtungsmesser auf den Tisch geblättert hatte.
Das einzige, was sich derzeit in dieser schmutzigen Ziegelwelt bewegte, waren die hellgelben Straßenbahnen. Er lief in der Wilhelminenhofstrasse auf der Seite der Fabriken. Seine Motive lagen auf der anderen Seite. Es waren die verfallenen Wohnhäuser, die er fotodokumentieren wollte. Einige Geschäfte waren schon verlassen und mit Brettern vernagelt. Wie die Häuser aussahen, konnte man davon ausgehen, dass sie so nicht mehr lange stehen würden. Ein 36er Film war schnell voll. Auf der Höhe des Brückenkrans musste er den Film wechseln. Obwohl das immer bange Minuten waren, in den er sich voll konzentrierte, spürte er Blicke auf sich gerichtet. Als er die Praktika wieder einsatzbereit hatte, sah er sie im Hauseingang des nächsten Hauses stehen. Schräg darüber formierten sich Buchstaben mit letzter Kraft zu Herrenkonfektion. Jetzt die Straßenseite wechseln, wäre feige. Michael packte die Kamera in seine Umhängetasche und ging weiter. Genau auf sie zu. Die beiden entpuppten sich als ältere Herren, dem Alkohol stark zugeneigt.
»Na, alles für den Abriss im Kasten? Willst Du nicht noch unser Haus knipsen?«
Mist, die waren auf Krawall aus.
»Guten Morgen« sagte Michael und versuchte zu lächeln.
»Lass mal stecken, Deinen Morgen. Morgen gibt´s hier nicht. Was machst Du hier?«
»Fotos. Habe Angst, dass die Häuser da nicht mehr lange stehen.«
»Ach nee, Angst? Gehörst Du nicht zur Abrisstruppe?« Die beiden hatten sich scheinbar verabredet, immer abwechselnd zu sprechen.
»Könnt Ihr nicht gucken? Ich bin gerade mal Lehrling und habe zufällig einen Fotoapparat, weil ich gern selbst entwickle.«
»Lehrling? Na ja, jedenfalls schleichen hier jetzt öfters Typen mit Fotoapparat rum. Oder Typen, die irgendetwas aufschreiben, mit einem Helm auf.«
»Haha, müsste eigentlich Pflicht sein, zwischen den Bruchbuden hier«, gluckste der andere.
»Wohnt Ihr hier?«, fragte Michael.
»Ist geheim.«
»Ihr wisst nicht, wo Ihr wohnt?«
Die beiden sahen sich an. Nach Sekunden nickten sie sich zu. Einer sprach.
»Wie heißt Du?«
»Michael«
»Ich bin Wolfgang und das ist Herbert. Haste Geld mit?«
»Zehn Mark.«
»Reicht. Lass uns ein Bierchen trinken gehen. Ist gleich hier, ein paar Meter weiter.«
Sie nahmen ihn in die Mitte und schoben ihn an. Michael ließ es geschehen.

Dina III

Andreas Petersell am 01.11.2017, Dina


Nach einem weiteren anstrengenden Tag in der Redaktion saß Dina am folgenden Morgen im Zug nach Hannover. Die Beerdigung ihrer Mutter würde sie fast den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Sie war verabredet mit ihrer großen Tochter. Dina wünschte sich, auch schon in solch jungen Jahren Bekanntschaft mit einem Bestatter gemacht zu haben. Dann hätte sie jetzt wenigstens gewusst, was auf sie zukam. Geschwister hatte sie keine. Und was ihren Vater betraf, wusste sie nicht einmal, wo er begraben war. Als ihr der Termin mit Schrödinger durch den Kopf ging, presste sie die Umhängetasche mit den wichtigsten Unterlagen und Fotokopien an sich. Was die Ziffernfolge betraf, die hinter Schmuckkollektion stand, war sie vielleicht ein Stückchen weitergekommen. Ihr Chef, der ab und zu mit einem gemieteten Schiff auf Segeltörn ging, fühlte sich bei ihrem Anblick an eine Positionsangabe erinnert. Eben wie geographische Koordinaten. Aber genau konnte er es auch nicht sagen. Dina wusste, dass er nicht locker lassen würde, bis er es herausgefunden hatte. Statt der Auflagenzahlen der Konkurrenzblätter würde er bestimmt gerade ihre Ziffernfolge anstarren, so viel stand fest. Der Zug erreichte Hannover. Angestrengt suchte Dina den Bahnsteig nach ihrer Tochter ab. Desiree war zu ihren Treffen immer überpünktlich.

Michael V

Andreas Petersell am 05.11.2017, 33UUU 98781 12353, Michael und Pino


Fünf Minuten hatte Michael ausruhen können. Dann hörte er eilige Schritte das Treppenhaus hochwinden, die in seinem Klingelton gipfelten.
»Moment!«
Michael richtete sich auf. Seine dünne Matratze war dermaßen durch gelegen! Ach was, es waren die Federn, die in der Mitte plattgedrückt waren und ihn absaufen ließen wie in einer Hängematte. Fehlte nur noch, dass sein Bett schaukelte.
»Hallo Pino, komm rein.«
»Nee, komm du raus! Auf deinem Fensterbrett sitzt ein Falke!«
Michael guckte ungläubig zu den beiden Dachluken hoch.
»Nicht hier. Unten in der Küche. Na los! Aber vorsichtig.«
Michael griff sich den Wohnungsschlüssel. Die beiden gingen die zwei Treppen nach unten. Vorsichtig traten sie in die Wohnung und guckten langsam um die Ecke in die Küche. Auf dem Fensterbrett, genau vor dem geöffneten Fensterflügel stand ein Greifvogel und fixierte die beiden mit wachsamen Blick, als hätte er sie schon erwartet. Für zehn Sekunden wagte keiner der drei, sich zu bewegen. Aber einer musste diese unvergessliche Begegnung zu einem Ende führen. Und das macht am besten der, der Flügel hat. Mit kurzem Flügelschlag ließ der Vogel die Zuschauerränge der Sackgasse unter sich und entschwand im Himmel.
»Alter Schwede! Nicht schlecht.« Wenn Pino etwas besonders mochte, dann waren es Tiere.
»Gott sei Dank sehen wir nicht aus wie Mäuse. Ich jedenfalls nicht. Bei dir weiß ich nicht.«, prustete Pino lachend los.
»Scherzkeks.«
»Was´n los? Du läufst so komisch, wie auf rohen Eiern.«
»Laß uns mal ’ne Runde um den Block laufen, ich brauche tatsächlich mal ein bisschen Luft.«
»Ok. Ich hole Benje und Zigaretten. Wir treffen uns unten.«
So lange Michael nicht die Hundeleine halten musste, war es ihm egal, wen oder was Pino auf ihren Spaziergängen mitnahm. Benje war der aktuelle Hund der Familie Reichelt. Ein schwarzer Riesenwollknäuel, von dem noch nie jemand die Augen gesehen hatte. Zu dritt verließen sie die Sackgasse. Pino war noch immer vom Greifvogel in den Bann gezogen.
»Das kann nur ein Falke gewesen sein. Aber für einen Wanderfalken war er schon wieder zu groß.«
»Und ein Turmfalke war es auch nicht.«, sagte Michael. »Dann hätte er gesehen, dass dein Häuserblock um ein Stockwerk höher ist als meiner.«
Pino brach in ein Gelächter aus und wusste nicht, was gerade wichtiger war: die Zigarette vor Schaden zu bewahren oder den Hund mit beiden Händen aus dem Gebüsch zu ziehen. Er verschwand paffend im Gebüsch, um nach fünf Metern über den nächsten Hauszugang wieder auf den Gehweg zu Michael zu stoßen.
»Guten Tag.«, grüßte er wie ein braver Nachbar.
»Deine Zigarette?«
Nun merkte auch Pino, dass seine Zigarette keine Glut mehr hatte. Er schmiss den Stängel ins Gebüsch und klopfte sich das Laubwerk ab.
»Hast Glück, dass du mich überhaupt angetroffen hast. Hätte jetzt auch im Krankenhaus sein können.«
Jetzt konnte Michael Pino endlich von seinem Überfall im Torbogen erzählen.
»So wie du die Kerle beschrieben hast, könnten das auch Stasi-Leute gewesen sein.«
»Hast du schon mal welche gesehen?«
»Nee, jedenfalls nicht bewusst. Was hast du denn jetzt vor?«, wollte Pino wissen.
»Was soll ich vorhaben? Gabriele nicht mehr sehen?«
»Du weißt schon, dass andere Mütter auch hübsche Töchter haben? Sogar jüngere, in deinem Alter.«
»Oh, nicht schon wieder.« Michael verdrehte die Augen. »Du magst sie nicht besonders, ich weiß.«
»Kann schon sein. Neulich hat sie mich gefragt, was ich so denke!«
»Und?«
»Verstehst du nicht? Das klingt doch wie Denkst du überhaupt etwas, Junge? Oder dümpelst du einfach vor dich hin?«
»Wie eine Qualle?«
Pino sah Michael fragend an. Michael wusste nicht, wie Quallen guckten, aber vielleicht etwa so? Na ja, jedenfalls war Pino sein Kumpel, dann konnte er keine Qualle sein. Er lächelte Pino an.
»Sie wollte dir wohl sagen, dass sie dich nicht besonders gut kennt.«
»Aber das kann sie doch wohl anders sagen!«
»Stimmt. Wie die beiden Typen. Die hätten´s auch anders sagen können.«
Jetzt grinste Pino wieder.
»Denen ist es wohl sehr ernst.«
»Hm, glaube ich auch. Ich kenne nur einen, dem es sooo ernst sein kann.«
»Ihrem Mann?«
»Ja.« Michael nickte.
»Und was arbeitet der Typ?«
Michael zuckte mit den Schultern.
»Na, wenn du schon nicht von ihr lassen willst, sieh dich wenigstens vor.«
»Äh, sag mal Pino, ich gehe morgen zur KWV, mich anmelden für eine Wohnung. Kommst Du mit?«
»Hab doch mein Zimmer, was will ich mehr?«
»Fauler Sack, grüß Deine Zimmerwirtin von mir.«
Sie trennten sich wie immer nach dem Torbogen und jeder schlenderte seinem Hausaufgang entgegen. Kein Falke weit und breit.

Dina IV

Andreas Petersell am 02.11.2017, Dina, Thomas und Dr. Schrödinger


In der Fußgängerzone war ein einziges Gewimmel. Dina hasste es, wenn sich Touristen in Heerscharen gegen sie stemmten. Zumindest wenn sie ein Ziel mit einem Termin vor Augen hatte. Beim Shoppen merkte sie das Treiben um sich herum nicht, sie war Teil dessen. Dachte Schrödinger, dass die Leute zwischen Schuhe anprobieren und der Jagd nach der ultimativ passenden Jeans mal eben zum Anwalt gingen? Dina hatte endlich den richtigen Aufzug gefunden. Erleichtert erkannte sie Schrödingers Namenszug neben dem Knopf für die fünfte Etage. Oben angekommen zeigte sich ihr eine helle Glastürfront. Die Dame am Empfang lächelte sie an.
»Frau Levin?«
»Ja. Ich habe einen Termin.«
»Legen Sie erst einmal ab und setzen Sie sich kurz. Kaffee?«
»Ein Wasser, bitte.«
Dina überlegte, wie eigentlich bei ihr in der Zeitung die Gäste empfangen wurden. Sie hatte nie darauf geachtet. Frau Hasselfeld, denn das musste sie sein, stellte das Glas auf den Tisch, an dem Dina in einer Mischung aus Sessel und Stuhl Platz genommen hatte.
»Danke.«
»Dr. Schrödinger kommt gleich.«
Dina trat zum Fenster. Vom 5. Stock sahen die Menschen auf ihrem Weg durch die Fußgängerzone nicht mehr ganz so verstörend aus. Es war ein Gewusel, aber trotzdem friedfertig. Plötzlich ging die Tür auf und ein großer Mann im hellgrauen Anzug kam heraus. Er lächelt Dina an, kam auf sie zu und reichte ihr die Hand.
»Guten Tag, Frau Levin. Endrikat. Schön Sie kennenzulernen.«
»Guten Tag. Ich habe eigentlich Dr. Schrödinger erwartet?«
»Dann gehen Sie hinein.«
Sein Lachen wurde noch breiter. War da eine Spur von Mitleid? Die Erscheinung nahm seinen Mantel vom Bügel, nickte der Hasselfeld zu und verschwand durch die Glaswand in den Flur.
»Frau Levin?«
Dina folgte der Stimme ins Büro. Sie trat in ein weiß eingerichtetes Büro mit zwei Schreibtischen. Schrödinger kam ihr entgegen und begrüßte sie herzlich, als würden sie sich schon über Jahre kennen.
»Dieser Herr Endrikat, ist das ihr Kollege?« Dina zeigte auf die beiden Schreibtische. Schrödinger winkte lächelnd ab.
»Nein, ein Bekannter. Im gewissen Sinne ein Klient. Ich benutze für jeden Fall immer einen anderen Schreibtisch. Warum fragen Sie?«
»Nun ja, wenn wir uns begrüßen, als würden wir uns Jahre kennen, ist das vielleicht erklärbar, aber ein Herr Endrikat mich?«
»Verstehe, er hat Sie für sich eingenommen mit seiner offenen, charmanten Art?«
»Er war sehr direkt und dabei freundlich. Woher kannte er meinen Namen?«
»Durch mich. Ich habe ihm von Ihnen erzählt, und dass Sie gleich hier sein werden. Da Sie die einzige im Warteraum waren, hat er alles riskiert, der Charmeur.«
»Herr Schrödinger, ich bin hier unter anderem wegen Ihrer Diskretion. Wenn das ganze Wartezimmer meinen Namen weiß, nach dem ich abgelegt habe, dann habe ich mich in Ihnen getäuscht!«
Dina wollte nach ihrer Umhängetasche greifen, doch Schrödinger legte langsam und bestimmt seine Hand auf ihren Unterarm.
»Frau Levin, alles ist OK. Sie und Herr Endrikat sind auf gewisse Weise verbunden. Er ist der Bruder des Verhandlungsführers in Ost-Berlin, der gerade versucht, den gesamten Immobilienbesitzern aus Ihrem Viertel die Grundstücke inklusive Häuser abzukaufen. Aber nicht für Geld, sondern sprichwörtlich für ein Apfel und ein Ei.«
Dina schaute fragend drein.
»Setzen Sie sich wieder, Frau Levin.« Schrödinger öffnete die Bürotür und bat Frau Hasselfeld um Tee und Gebäck, bevor er ihr ein schönes Wochenende wünschte.
»Wir verhandeln mit Abgesandten einer Partei, die das Privateigentum abschaffen möchten. Aber diese Abgesandten sind Menschen. Eines Tages trat Herr Endrikat (Ost) auf mich zu und bat um ein vertrauliches Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er mich einfach nur bat, etwas für seinen Bruder mitzunehmen. Als Kurier sozusagen, an der Stasi vorbei. Und ich weiß, dass Endrikat ein Mensch ist, und kein Gesinnungstäter. Er wird die Beschlüsse der SED-Oberen in Ost-Berlin nicht blindlings umsetzen.«
»Woher nehmen Sie die Gewissheit?«
»Ich vertraue ihm.«
»Was sollten Sie denn schmuggeln?«
»Das weiß ich nicht. Diskretion eben. Ach Quatsch! Es ist einfach, dass ich ihm vertraue. Ohne Vertrauen keine Diskretion.«
»Warum soll ich Ihnen vertrauen, wenn Sie auch einem SED-Mann vertrauen? Vielleicht eines Tages mehr als mir?«
Jetzt war Schrödinger sprachlos, zumindest für lange fünf Sekunden.
»Sie haben Recht. Sie können sich nicht sicher sein. Ich erzähle Ihnen erst einmal alles über das Grundstück.« Schrödinger holte zwei Aktenordner und legte sie auf den Tisch. Dina legte ihre Tasche daneben.
Sie erfuhr, dass ihr Vater das Haus in Schöneweide 1932 gekauft hatte. 1942 wurde er enteignet. Es hieß, der Kredit würde nicht bedient werden. Ein neuer Eigentümer konnte nicht ermittelt werden. Entziffert werden konnte nur ein Herr Malitzke als Verwalter und Treuhänder.
Dana erfuhr, dass die DDR jüdische Wiedergutmachungsansprüche bisher immer abgelehnt hatte, denn sie betrachte sich nicht als Rechtsnachfolger, sondern Opfer des Nationalsozialismus. Schrödingers Vater hatte ihrer Mutter nach Vaters Tod geholfen, in der Bundesrepublik einen Antrag auf Wiedergutmachung zu stellen. Wegen der ungeklärten Eigentumsverhältnisse bewegte sich aber auch in dieser Angelegenheit fast nichts. Immerhin unternahmen auch die DDR-Oberen nichts gegen den Status Quo. Und Dina hatte sich schon als Grundstücksbesitzerin gesehen!
Plötzlich erinnerte sie sich an den Zettel mit den Koordinaten. Sie reichte ihn Schrödinger, der diesen gar nicht erst lange anguckte.
»Den kenne ich bereits von einem Foto. Mein Vater hatte diesbezüglich schon einmal recherchiert. Das sind Koordinaten des Grundstücks in Berlin-Oberschöneweide. Fragen Sie mich nicht, woher Ihr Vater wusste, wie die Wehrmacht ihre Schlachten plante. Vielleicht ist er aber auch in Amerika mit diesen Planquadraten in Berührung gekommen. Er wusste, dass das Haus ausgebrannt war und abgerissen wurde. Wenn also mit den Koordinaten nicht das Haus gemeint ist, bleibt nur noch das Fundament, sprich der Keller. Kurz und gut: genau dort ist die gesamte Schmuckkollektion Ihres Vaters vergraben. Sein gesamtes Juweliergeschäft. Also das, was wirklich Wert hatte.«
»Warum lassen Sie es nicht herausholen?«
»In Ost-Berlin? Wo noch nicht mal feststeht, dass er der Grundstückseigentümer gewesen ist? Wie stellen Sie sich das vor?«
»Wo kann ich Herrn Endrikat finden?«
»Frau Levin, überlassen Sie das der Interessenvertretung! Die SED spricht nur mit dieser und vielleicht noch mit der Jewish Claims Conference!«
»Ich meine Endrikat-West.«
»Ach so.«

Dina V

Andreas Petersell am 10.11.2017, Dina und Thomas


Auf dem Bahnhof war noch immer viel los. Dina hoffte trotzdem noch auf einen Sitzplatz im Zug. Ein bisschen war sie sauer auf sich. Ihre Mutter war noch nicht mal begraben und sie mutierte zur Schatzsucherin. Ihr ging es doch gut. Sie vermisste nichts. Außer ihr Leben. Sie spürte, dass es ihr nicht vordergründig um Reichtum ging, obwohl Geld ungemein zur Beruhigung beitragen konnte. Es ging ihr um ihr Leben, das mit 54 Jahren eine weite Ebene betrat. Sie glaubte, am Horizont dieser Ebene nichts mehr erkennen zu können. In ihrem Blick zurück auf ihr Leben türmten sich Berge zu Schluchten auf. Keine Zeit, nach rechts oder links zu gucken, da musste sie einfach durch. Sie hatte alles ausgeblendet, was sie daran hindern konnte, ihre Töchter groß zu ziehen und wieder einen Job zu finden. Nun las sie seit einer Woche alte Briefe und saß fragend über Fotos. Es war, als zöge sie einen schweren Vorhang beiseite, um ihre Eltern, speziell ihre Mutter, neu zu entdecken. Auch ihre Töchter stellten ihr keine Fragen. Sie war einfach von Anfang da in ihrem Leben. Das sollte reichen, so will es die Natur. Auch sie hatte ihrer Mutter nie Fragen gestellt, um etwas aus ihrem Leben zu erfahren. Erst jetzt war sie bereit für Fragen, und nun war es zu spät. Die Schmuckkollektion gehörte zur Familie. Dazu war es noch nicht zu spät. Außerdem war sie Journalistin. Und als solche würde sie morgen diesen Endrikat anrufen. Ihr Zug fuhr pünktlich ein. Sie hing ihre Tasche um und hielt nach Waggon der 2. Klasse Ausschau. Sie mied die Passagiere mit großen Koffern und schlüpfte als dritte in einen Waggon. In jedem Abteil verschwand einer mehr aus ihrer Reihe, bis sie den Sturm anführte. Zu ihrem Glück wurde der gegnerische Sturm am anderen Ende des Ganges durch das Rangieren von Koffern aufgehalten. So schaffte sie es zu einem Abteil über die Mitte des Waggons hinaus. Darin war noch ein Platz frei. Sie stellte ihre Umhängetasche auf den Sitz und wartete, bis der Mann gegenüber seinen Mantel ausgezogen hatte und sich setzte. Da war er wieder, dieser hellgraue Anzug und die lachenden blauen Augen.
»Sie?«, stotterte Dina.
»Ja, Sie auch hier?« Endrikat freute sich offensichtlich.
»Ich habe Sie gar nicht einsteigen sehen.«, wunderte sich Dina.
»Ich Sie auch nicht. Wahrscheinlich ist man so auf die Platzjagd fixiert, dass man seine Umwelt völlig vergisst.«
»Wie weit fahren Sie, wenn ich fragen darf?«
»Bis Hamburg. Und Sie?«
»Weiter.«, antwortete Dina, die im stillen die gemeinsame Zeit mit Endrikat überschlug. »Ich wollte Sie demnächst anrufen.«
»Na, dass können Sie sich ja jetzt sparen, im wahrsten Sinne des Wortes. Haben Sie schon etwas zu Abend gegessen?«
»Nein.«
»Dann lassen Sie uns das Telefonat im Restaurant führen, einverstanden?«
Er führte sie zu einem freien Platz im Bordrestaurant. Ihr war jeder Tisch recht, Hauptsache sie saßen allein daran.
»Sie haben sich sicher nach mir erkundigt?«, fragte Endrikat.
»Ja, und Dr. Schrödinger hat schon sein Fett weg.«
»Seien Sie nicht so streng. Wenn einer diskret sein kann, dann ist er das.«
»Und Sie, können Sie das auch?«
»Ich werde jedenfalls niemandem von unserem Treffen erzählen.«, schwor Endrikat.
»Bitte auch Schrödinger nichts. Er denkt, ich bin ein Hitzkopf, dem über die Jahre langweilig geworden ist.«
»Und, sind Sie es?«
Dina lachte zum ersten Mal befreit. »Finden Sie es heraus.«
»Was wollten Sie mich am Telefon fragen?«
Dina wusste es selbst noch nicht so genau. Sie wollte sich langsam herantasten.
»Was hat Ihnen Dr. Schrödinger über das Grundstück meiner Eltern erzählt?«
»Keine Details.«, antwortete Endrikat schulterzuckend. »Ich weiß nur, dass Ihr Grundstück in Ost-Berlin liegt und Teil eines Gebiets ist, welches neu bebaut werden soll.«
»Wann?«, Dina hörte förmlich die Alarmglocken schrillen.
»Was weiß ich! Frau Levin, ich bin nur locker mit Schrödinger verbunden. Es hat mehr mit meinem Bruder zu tun. Über Grundstücksverkäufe und sonst welche Interna spricht Dr. Schrödinger nicht mit mir. Das mit der Neubebauung weiß ich auch nur von meinem Bruder. Der verhandelt seit Jahren in dieser Angelegenheit.«
Dina spürte, dass Endrikats Empörung echt war. Sie nahm einen Stift aus ihrer Tasche und schrieb 33UUU9949413391 auf die Serviette.
»Kennen Sie das?«
Endrikat guckte verwundert die Serviette an. »Die einzelnen Ziffern sind mir seit der 1. Klasse geläufig.«
»Und in dieser Kombination?«, hakte Dina nach.
»Tut mir leid. Sagen Sie es mir.«
Dina fing an, Endrikat von dem Zettel aus dem Nachlass ihrer Mutter zu berichten.
»Jetzt verstehe ich…​ Wenn das Grundstück bebaut wird, ist der Schmuck unerreichbar für Sie. Aber warum erzählen Sie mir das alles?« Endrikat sah Dina verwundert an. Dina schaute schweigend zurück. Dann sagte sie leise »Ich möchte, dass Sie Ihren Bruder in Ost-Berlin besuchen.«
»Das wollten Sie mich am Telefon fragen?«
Dina nickte.
»Frau Levin, wie heißen Sie eigentlich?«
Dina hatte eher Protest erwartet, aber nicht solch eine Frage.
»Dina.« Sie versuchte, nicht zu erröten.
»Thomas.«
Thomas nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas. Aber dann konnte er sein Lächeln nicht mehr verbergen.
»Dina, während Sie hier die Beleidigte spielen ob meiner fehlenden Diskretion, haben Sie schon ganz andere Pläne mit mir. Wann sollte ich denn das tun, Ihrer Meinung?«
»So schnell wie möglich. Spätestens in 14 Tagen.«
»Sie waren bestimmt noch nie im Osten, nicht wahr?«
Dina schüttelte verneinend den Kopf. »Wieso?«
»Mein Bruder muss allerspätestens vier Wochen vor meinem Besuch einen Berechtigungsschein bei der Polizei beantragen, den er mir dann zuschickt. Ohne diesen Schein bekomme ich kein Visum für die Einreise. Und ein guter Grund für meinen Besuch könnte auch nicht schaden.«
»OK, ich habe mir das alles ein bisschen leichter vorgestellt. Werden Sie mir helfen?«
»Das weiß ich nicht. Die lassen jedenfalls nicht mit sich spaßen. Was meinen Sie, was ich immer für einen Schiss im Tränenpalast habe.«
»Tränenpalast? Thomas, ich weiß manchmal nicht, wovon Sie reden, und vielleicht bin ich etwas naiv. Aber wenn Sie es schaffen, die Schmuckkollektion zu finden und über die Grenze zu bringen, sollen Sie die Hälfte des Verkaufsertrages erhalten. So wahr ich hier stehe.«
Thomas schaute für Sekunden auf die Laternenreihe in der Dunkelheit, bis diese hinter einem Waldstück verschwand.
»Meine Schwägerin wird Ende März dreißig. Vielleicht lässt sich da was machen. Ich bin auf das Wohlwollen von Volker, meinem Bruder angewiesen.« Dina wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Stattdessen nahm sie ihr Glas und trank, als suche sie etwas auf dem Glasboden.
»Überlegen Sie es sich noch einmal mit der Hälfte des Ertrages. Ich werde jedenfalls nichts illegal über die Grenze schmuggeln. Die Hunde würden mich schon am S-Bahnhof Friedrichstraße ankläffen, solchen einen Angstschweiß hätte ich.«
»Thomas, wovon soll ich Ihnen die Hälfte geben, wenn ich nichts habe?«
»Abgemacht. Sie müssen den Schmuck durch mein Zutun erhalten. Wie, dass müssen wir noch sehen. Diesen Zettel mit den Koordinaten, den hinterlegen Sie am besten in ein Bankschließfach. Gibt es noch etwas, was ich wissen muss?«
»Ich bin Journalistin. Ich möchte darüber berichten.«
Thomas holte sein Portemonnaie heraus und winkte der Servicekraft.
»Ausgeschlossen!«

Burkhardt I

Andreas Petersell am 21.11.2017, 33UUU 97368 19358, Burkhardt und Stasileute


Burkhardt ging pünktlich los in Richtung Haus 16. Einmal wöchentlich lud der Alte der HA XVIII zum Rapport. Oberstleutnant Paul trat immer als letzter an den Sitzungstisch. Alle unteren Ränge der Abteilung 1 waren gut beraten, am Montag um 10.00 Uhr pünktlich anwesend zu sein, um diese Zeremonie zu ermöglichen. Kurz vor zehn wurde es regelmäßig still im Sitzungszimmer und Paul erschien in seiner Bürotür und schritt langsam zum Tischende, wo er die nächsten zwei Stunden residieren würde. Seine Orden wünschten sich, sie könnten frei hüpfen über der stolz gewölbten Brust. Burkhardt ahnte, dass das ganze Lametta nicht so sehr ihnen galt, sondern Pauls Vorgesetzten als Mahnung, ihn nicht zu unterschätzen. Er mochte ihn trotzdem, denn bisher ließ der Oberstleutnant immer den gesunden Menschenverstand über Karrieredünkel und Politik obsiegen.
»Irgendwelche Vorkommnisse, Genossen?«
Das war einfach nur das Zeichen für den ersten in der Runde, rechts von Paul sitzend, mit dem Lagebericht der vergangenen Woche zu beginnen. Bis Schmidt an der Reihe war, zwei Plätze vor ihm. Die Stuhlreihe war nicht nach Dienstgrad geordnet. Ja, manchmal ändert sie sich auch einfach, wenn ein Genosse fehlte. Aber zwei Plätze vor ihm hieß höchste Aufmerksamkeit, denn er war im Blickfeld des Alten. Schmidt hatte gerade mit Allgemeinplätzen geendet, da hob sich Pauls Stimme merklich.
»Genosse Schmidt, woran liegt es, dass ich immer noch nichts von einem erfolgreichen Abschluss der Verkaufsverhandlungen in Schöneweide höre?«
Nicht dass Burkhardt mit Schmidt Mitleid empfand, aber manchmal hätte man glauben können, Oberstleutnant Paul glaubte, dass die Genossen selbst die Verhandlungen in den Betrieben leiten würden.
»Oberbürgermeister Krack ließ den Minister wissen, dass er bestimmte Altbauviertel in der Stadt nicht mehr länger halten kann!«
Im wahrsten Sinne des Wortes, dachte Burkhardt.
Schmidt schien zu ahnen, dass er nicht nur einfach Mode war, sondern dass etwas im Busch sein musste.
»Genosse Endrikat«, sagte Schmidt, »weiß nicht mehr, wie er den Druck auf die Grundstückeigentümer erhöhen kann. Jahrelang haben uns die Eigentumsverhältnisse nicht gestört, und jetzt drängen wir auf den Verkauf der Grundstücke. Dazu kommt, dass Endrikat private Probleme belasten. Er erscheint bisweilen unpünktlich und unvorbereitet zu den Terminen.«
»Na, erzählen Sie mal.« Paul schaute Schmidt mit erwartungsvollen Augen an.
Burkhardt verdrehte innerlich die Augen. Immer dasselbe, Ehen gehen nicht zu Bruch, sie zerbröseln einfach. Er hätte lieber gewusst, warum auf dem Tisch sieben F6-Schachteln nur drei Cabinet gegenüberstanden. Er würde es wohl nie verstehen.
»Seine Frau hat ein Techtelmechtel mit einem ehemaligen Schüler. Aber das dürfte bald vorbei sein.«
»Ach so?«
»Ja, wir haben ihm nahe gelegt, seine ehemalige Lehrerin in Ruhe zu lassen.«
»Wie nahe denn?«
»Nichts Schlimmes. Äußerlich ist nichts zu sehen.«
»Genosse Schmidt, Sie wissen schon, dass unsere Abteilung den Auftrag hat, Gefahren abzuwehren?« Pauls Gönnermiene wichen tiefe Zornesfalten.
»Was würden Sie denn als Jüngling machen, wenn man Sie vermöbelt und rät, von der großen Liebe abzulassen? Doch nicht etwa aufhören, ihr nachzusteigen, oder?«
Schmidt versuchte noch nicht einmal, nachdenklich auszusehen. Von Zeit zu Zeit beneidete Burkhardt den Alten um die Idee des Perspektivwechsels. In seiner Stellung durfte er sich diese Weisheiten noch nicht leisten.
»Ich will keine neuen Konterrevolutionäre, ich will Ergebnisse sehen, Genosse Schmidt! Ab sofort übernimmt Oberleutnant Lenz als OibE die Sache.«
Burkhardt vernahm einen Stich in seiner Brust, der nicht unangenehm war. Sein letzter Einsatz im Magistrat war schon länger her. In der Stadtmitte in den vielen warmen Büros war es ein angenehmeres Arbeiten als in den Betrieben oder gar auf den Baustellen.
»Genosse Lenz, Sie werden Genosse Endrikat im Berliner Magistrat zur Seite stehen. Ich werde Ihre Legende veranlassen, derweil Sie sich mit der Materie vertraut machen. Leutnant Schmidt, Sie stoßen zur Gruppe Baustoffversorgung. Sie beide bleiben nach der Versammlung zwecks weiterer Befehle noch hier. Weitere Vorkommnisse?«
Schmidt haute mit der Handfläche auf den schwarzen Aschenbecher-Knauf, worauf die Asche in einem hohlen Geräusch verschwand.
»Genosse Schmidt?« Der Alte warf einen süffisanten Blick auf Schmidt.
»Ja, Genosse Oberstleutnant. Endrikats Bruder aus dem Westen möchte ihn besuchen. Anlässlich des dreißigsten Geburtstages seiner Frau.«
»Wir könnten in diesem Fall mal eine Ausnahme machen.«, verlautete Burkhardt nach einigem Zögern. »Vielleicht lenkt das den Genossen Endrikat etwas ab und seine Stimmung hellt sich ein wenig auf?«
Zu Burkhardts Erstaunen hörte er eine Weile nichts. Üblicherweise dauerte es nur eine Zehntelsekunde, bis Paul einen Vorschlag vom Tisch wisch. Dann nickte Paul.
»Einverstanden. Nun, da sie übernehmen, Lenz, tragen Sie die Verantwortung, dass mit dem Bruder nichts schief läuft. Sie bekommen zwei Kollegen zur Überwachung als Verstärkung. Weitere Vorkommnisse?«

Dina VI

Andreas Petersell am 27.11.2017, Dina und Thomas


Die Beerdigung ihrer Mutter war würdevoll und problemlos verlaufen. Die Trauergäste bestanden im Wesentlichen nur aus ihren beiden Töchtern nebst Familien und zwei Nachbarn. Dina erwischte sich bei dem Gedanken, ob ihr solch eine Trauerfeier gefallen hätte. Ach was, eigentlich konnte es ihr ja egal sein. Der Tod war unspektakulär, und eine Trauerfeier um so mehr. Sie verließ gerade die Kanzlei von Dr. Schrödinger. Sie hatte ihm letztendlich das Mandat erteilt, sie in der Erbsache als auch bei den Grundstücksverhandlungen gegenüber der Interessenvertretung zu vertreten. Immerhin hatte Schrödinger ihr dieses Mal gleich gesteckt, dass Endrikat-West sie anschließend noch sprechen wollte.
Sie hatte noch etwas mehr als eine Stunde Zeit bis zu ihrer Verabredung mit Endrikat. Das abrupte Ende ihres Zusammentreffens im Zug neulich ließ es ihr schwerfallen, in Dimensionen eines Vornamens zu denken. Noch immer war es Herr Endrikat, auch wenn sie die Ältere war. Auch wenn er sie gebeten hatte, ihn Thomas zu nennen. Beiderseitiges Vertrauen war eben nicht durch Willensbekundungen aufzubauen. Erst recht nicht, wenn sie sich erst so kurz kannten. Sie wollte etwas von ihm. Da half es nur, mit Taten in Vorleistung zu gehen. Sie schlenderte durch die Läden, bis sie zum verabredeten Zeitpunkt das Restaurant betrat. Endrikat war nicht zu übersehen. Er stand auf und nahm ihr den Mantel ab.
»Schön, dass Sie kommen konnten.«
»Die Freude ist ganz meinerseits.«, sagte Dina sichtlich lächelnd. Sie bestellten und Dina goss sich ein Glas Wasser ein, das Thomas schon bestellt hatte.
»Dina, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich war sehr schroff zu Ihnen, ohne dass Sie das geringste dafür konnten. Ihre herzerfrischende Art und auch ein bisschen Ihre Naivität haben mich wieder daran erinnert, mit welchem Staat wir es da drüben zu tun haben. Ich hatte mich schon daran gewöhnt und abgefunden, meinen Bruder nicht mehr zu sehen. Vor sieben Jahren habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Da wurde er angeblich Geheimnisträger und durfte keine Westkontakte mehr haben. Aber Sie haben mich daran erinnert, was normal ist und was nicht. Ich habe ihn gleich nach unserem Treffen angerufen. Er war zwar etwas verdattert, aber heute war sein Berechtigungsschein im Briefkasten. In vier Wochen besuche ich Volker in Ost-Berlin!«
»Darauf sollten wir anstoßen! Obwohl Sie mir ein jetzt ein schlechtes Gewissen gemacht haben. Ich habe Dinge von Ihnen erwartet, die gar nicht in Ihrer Macht standen.«
»Nein, ich habe zu danken.« Thomas winkte den Kellner für eine Weinbestellung heran.
»Wie lange können Sie bleiben?«
»Eine Woche. Selbst die ist schon grenzwertig.«, antwortete Thomas. »Das geht auch nur, weil ich selbständig bin. Damals im Innenministerium wäre es knapp geworden mit den Urlaubstagen.«
»Was machen Sie jetzt eigentlich?«
»Immobilienmakler. Früher war ich in der Rechtsabteilung des Niedersächsischen Innenministeriums.«
»Klingt nach einem ruhigen Leben. Warum haben Sie die Stelle im Ministerium aufgegeben?«
»Stimmt, mein Leben könnte stetiger verlaufen. Ich musste erfahren, dass wer die Macht hat, sie immer gebrauchen wird. Und sei ist, andere um sich herum klein zu halten und an ihrer Kreativität zu hindern. Als Makler bin ich für meinen Misserfolg selbst verantwortlich.« Thomas´ Blick wurde kämpferisch. Dina staunte, dass bei anderen die Besinnung auf die eigenen Fähigkeiten, auf das eigene Leben viel früher sich Bahn brach als bei ihr.
»Haben Sie eigentlich Familie?«, fragte Dina.
»Ich bin geschieden. Meine Tochter sehe ich vielleicht einmal im Monat. Warum?«
»Ach, nichts. Ich bin auch geschieden. und fange an, die Dinge ähnlich zu sehen.«
»Tut mir leid.«, antwortete Thomas. Jetzt war es Dina, die anfing zu lachen.
»Alles OK so, wie es ist, oder?«
Der Kellner mit dem Essen ließ sich nicht stören. Das Restaurant füllte sich und beide waren froh, dass sie jetzt zulangen konnten, während die anderen Gäste lediglich ihre Teller begutachten konnten.
»Was Ihre journalistischen Ambitionen betrifft, würde ich Sie bitten, damit so lange zu warten, bis ich wieder zurück bin, einverstanden?«
»Versprochen.« Dinas dunkle Augen strahlten, während ihre Gesichtsmuskeln über die Gebühr mit Kauen beschäftigt schienen.

Michael VI

Andreas Petersell am 29.11.2017, 33UUU 95682 16641, Michael und Gabriele


Die Wochen, in denen er Gabriele nicht sehen konnte, vergingen quälend langsam. Wenn man Michael gefragt hätte, ob er nach Chicago fliegen will oder die drei S-Bahnstationen zu Gabriele, er hätte nicht lange überlegt. Aber keiner wird gefragt, nie und nirgends. So saß er vor ein paar Tagen mit Gabriele und vierzig anderen Lehrern in einem Diavortrag über die Neuengland-Staaten und Chicago. Die Anwesenheitsliste reichte er einfach weiter. Beim Abschied hatten sie keinen Wiedersehenstermin vereinbart. Immerhin hatte sie nichts von Nichtmehrwiedersehen gesagt.
Heute würde er sie sehen. Der Lehrmeister musste als Prüfer zu einer Lehrlings-Abschlußprüfung und entließ sie alle früher ins Wochenende. Michael genoss den frühnachmittaglichen Sonnenschein, als er Richtung Ostkreuz spazierte. Auf dem Weg zum Bahnhof lag ein Blumenladen. Vielleicht hatte er ja Glück. Der Tag konnte eigentlich nicht mehr besser werden. Und tatsächlich, einige Sträuße Narzissen waren noch da. Nach regulärem Feierabend hätte er wohl keinen mehr davon gesehen. Gut gelaunt erklomm er die Treppen zum Bahnhof, um sie ein paar Meter weiter in Treptow wieder hinunter zu laufen. In der S-Bahn dufteten die Blumen betäubend schön, fast wie damals. Damals war er noch Schüler und Gabriele wusste wahrscheinlich gar nicht von seiner Existenz. Pino und er waren nach langen Winterwochen wieder mit dem Fahrrad unterwegs. Bis sie an einem Friedhof voller Narzissen vorbei radelten. Michael kam die Idee, seiner Geliebten Blumen zu schenken. Er würde sie an ihrem Geburtstag einfach an ihren Türknauf hängen. Damals rechtfertigten sie ihren Diebstahl damit, dass Liebe wichtiger ist als der Tod. Aber das ist Quatsch. Liebe ist unsterblich. Sie hatten einen großen Fehler gemacht. Ihr einziger Trost war es, dass sie von jedem Grab nur eine Blume gestohlen hatten.
Michael entschied sich für die Wiese, für die Weite und die Frühlingsbrise. Der Trampelpfad teilte die Wiese in zwei gleichgroße Hälften. Im Sommer mussten sich die Sonnenhungrigen entscheiden, auf welcher Seite sie sich niederließen. Nur weit weg von der Transitdiagonale musste es sein. Genau in der Mitte der Diagonalen wusste er, dass er glücklich war. Mit jedem weiteren Schritt stieg die Gefahr wieder, dass er klingelte und Gabriele gar nicht zu Hause war. Er war glücklich. Er hatte die Mitte noch nicht überschritten. Doch die Bäume am Ende der Diagonalen wurden immer größer. Bis er unter ihnen hindurch die Straße erreichte. Die Autos kamen nur aus einer Richtung, so dass die Überquerung nur ein Geduldsspiel war. Schnell stieg er die Treppen zu Gabrieles Wohnung hinauf. Er hatte nicht viel Zeit, dem Lärm der Straße auszublenden, um voller Hoffnung auf die leisesten Geräusche hinter der Wohnungstür zu lauschen. Es regte sich etwas und die Tür öffnete sich.
»Nanu, Michael? Komm rein.« Gabriele strahlte erstaunt. Er gab ihr einen Kuss.
»Wir hatten früher Schluss. Für Dich.« Er gab ihr die Narzissen.
»Danke. Wo gab´s denn die?«, fragte sie neugierig.
»Am Ostkreuz. In der Sonntagstraße.« Michael hatte sich nie Gedanken gemacht, was Gabriele wohl Volker erzählen würde, woher sie die Blumen hatte.
»Trinkst Du einen Kaffee mit?«
Sie saßen beide auf einer modernen Couch in einem hohen Berliner Zimmer, in das nicht viel Licht fiel. Auf dem kleinen Hof stand ausgerechnet eine Kastanie, die auch ohne Blätter noch für Dunkelheit sorgte.
»Ich war wieder in der Volksbildung Treptow. Neben einem Attest soll ich noch einen Lebenslauf nachreichen. Das ist das Mindeste für eine Bewerbung auf die EOS. Noch besser wäre eine Parteimitgliedschaft. Stell Dir vor, das hat die gesagt! Meine Noten, meine Berufsjahre zählen überhaupt nicht.«
Michael fand Gabriele wunderschön, wenn sie sich so echauffierte.
»Und, wirst Du in die Partei eintreten?«
»Niemals!«
»Sicher?« Michaels Augenbrauen gingen nach oben.
»Jedenfalls nicht in die SED. Vielleicht in irgendeinen Blockflöten-Verein. Ich weiß es nicht.«
»Und an der Erweiterten Oberschule würdest du von der achten bis zur zwölften Klasse unterrichten?«
»Ja. Ich kann mit größeren Schülern einfach besser.«
»Das kann ich bestätigen«, grinste Michael und nahm ihre Hand. »Vergiss die Partei. Schreibe in deine Bewerbung, wie du dich intensiv auch nach der Schule für begabte Schüler einsetzt.«, flüsterte er ihr ins Ohr. Immer, wenn er ihre warme Hand spürte, spürte er noch etwas anderes. Eine wahre Kettenreaktion lief ab. Seine Wange rieb sich an ihrer, ihre Nasen berührten sich kurz, bevor ihre Lippen sich fanden und die Zungen verrückt spielten. Ihr Duft war betörend. Seitdem die Geliebte ihn im wahrsten Sinne in ihr Geheimnis eingeführt hatte, übernahm eine unbekannte Macht die Regie. Ab dem Moment, wie sich ihre Hände berührten und die Kastanie sich schützend vor sie stellte. Michael hatte die vielen Wochen seiner Lernblockade aufzuholen, in denen er neben Gabriele lag und nichts passierte. Unterm Strich zumindest. Aber das war vorbei. Jetzt fragte er sich, wie sie auf dem Boden landen konnten, wo zuvor noch eindeutig ein Couchtisch gestanden hatte. Gabriele nahm ihre Sachen auf und lief ins Bad.
»Wie spät ist es?«, rief sie durch den Flur.
»Halb fünf.«
»Mist. Ich hole Konstantin immer um halb fünf ab.«
Michael sammelte sich nun ebenfalls.
»Ich begleite dich ein Stück.«
Sie rannten gemeinsam durch den Torbogendurchgang zur Straße hinaus.
»Michael, Du kannst mich nächste Woche nicht besuchen. Volkers Bruder kommt uns besuchen.«
»Wo wohnt er denn sonst, dass er bei Euch übernachten muss?«
»Im Westen, in Norddeutschland.«
»Wusste gar nicht, dass dein Mann einen Bruder hat. Ihr habt ihn zu deinem Geburtstag eingeladen?«
»Volker, ja.«
»Schade.« Michael war etwas betrübt.
»Sei nicht traurig. Ist ja nur eine Woche. Volker hat seinen Bruder schon Jahre nicht mehr gesehen.«
»Warum nicht?«, fragte Michael naiv.
»Durfte nicht kommen.«
»Durfte? Hm, sag mal, was macht dein Mann eigentlich beruflich?«
»Irgendwas mit West-Immobilien, die im Osten liegen. Er nennt es offene Vermögensfragen oder so ähnlich. Warum fragst Du?«
»Nur so.«

Burkhardt II

Andreas Petersell am 07.12.2017, 33UUU 92031 19863, Burkhardt und Volkler


Im Magistrat fing man gewöhnlich um 7:30 Uhr an zu arbeiten. Das war im Vergleich zu anderen Betrieben relativ spät. Burkhardt war es recht. Der Pförtner hatte ihm einen Besucherschein ausgehändigt, den er in Endrikats Abteilung abstempeln sollte. Endrikat hatte den Pförtner gebeten, ihn durchzulassen. Wenn der Besucher schon nicht persönlich abgeholt wurde, sollte er wenigstens einen Schein abstempeln lassen. Ein wenig nachlässig hier, die Jungs, dachte Burkhardt. Endrikat kam ihn entgegen, als er an dessen Bürotür klopfte und öffnete. Er war ein langer, schlaksiger Mann mit angehender Glatze.
»Guten Morgen, Genosse Endrikat.«, grüßte Burkhard laut. Endrikat nahm die ausgestreckte Hand und blickte zum Nachbarbüro, dessen Zwischentür offen stand.
»Guten Morgen. Dass mit dem Genossen lassen Sie mal lieber gleich. Wir sind hier für alle Bürger dieser Stadt da. Kleiner Scherz, aber ernst gemeint.« + Burkhardt lächelte. Er hätte es als Affront werten können, aber sein Gegenüber hatte recht. Mehr Aufmerksamkeit bei seinem Einsatz als Offizier im besonderen Dienst täte ihm gut.
»In Ordnung, Herr Endrikat.«
Volker nickte zufrieden und zeigte auf einen freien Schreibtisch.
»Sie wurden mir für zwei Tage die Woche angekündigt?«, fragte Volker.
»Plus freie Zeiteinteilung bei Bedarf. So will es die Abteilung für offene Vermögensfragen beim Ministerium.«
»Mir soll´s Recht sein. Von welchem Ministerium auch immer.«
Burkhardt hatte seinen Mantel an die Garderobe gehängt und nahm am freien Schreibtisch Platz.
»Ich stelle Sie der Abteilung vor, wenn wir um 10 Uhr unser wöchentliches Treffen haben. Und ich wette, dass mein Chef Sie gleich mal sprechen möchte. Das ist allerdings Ihr alleiniger Part.«
»Danke.«, sagte Burkhardt. Er liebte klare Ansagen. Obwohl sein Schreibtisch noch ziemlich leer und verlassen aussah.
»Und was Sie noch wissen sollten, Herr Lenz: in vierzehn Tagen gehen die Verkaufsverhandlungen in eine Endphase. Sie sollten sich mit den bereits verhandelten Punkten vertraut machen. Ebenso mit den noch strittigen. Ob für die Verhandlungen zwei Tage wöchentlich reichen, müssen Sie wissen. Ich hole die Akten, während Sie beim Chef sind.« Volker wandte sich zum Gehen. Als er in die Tür halb geöffnet hatte, rief Burkhardt: »Wo finde ich den Chef?«
»602«
»Danke. Herr Endrikat, lassen Sie uns zum Essen nachher in die Markthalle gehen. Ich habe da noch etwas auf dem Herzen.«
Volker öffnete die Tür ganz und ging die Akten holen. Burkhardt konnte sich denken, dass sie beim Chef lagen. Endrikat sah in ihm einfach einen Anstandswauwau, den es nicht noch galt, an die Hand zu nehmen. Sollte der sich doch allein zurechtfinden.

Michael VII

Andreas Petersell am 11.12.2017, 33UUU 98741 12377, Michael und Pino


Bei Reichelts flimmerte die Kiste. Helmut Kohl und Erich Honecker reichten sich die Hand und aus dem Lautsprecher hörte Michael Bundeskanzler Helmut Kohl und Staats- und Parteichef Erich Honecker trafen in Moskau am Rande der Trauerfeierlichkeiten zu einem zweistündigen Meinungsaustausch zusammen.
»Man, die sterben ja wie die Fliegen.«, sagte Emma, Pinos Mutter, und zündete sich eine Cabinet an.
»Mal sehen, welchen Greis es als nächsten trifft.« Pino stand auf und wollte Michael in sein Zimmer geleiten.
»Hallo Michael. Wie geht´s Deinen Armen? Wieder alles ok?«, wollte Emma wissen.
»Alles bestens.«
»Und wer hat Dich nun in die Zange genommen?«
»Keine Ahnung. Haben sich nicht vorgestellt.«, grinste Michael. Die beiden Jungs zogen sich in Pinos Zimmer zurück.
»Weißt Du es wirklich nicht?«, fragt Pino ihn. Nein, Michael hatte Gabriele nichts von dem Überfall erzählt. Er spürte, dass sie davon nichts wusste. Entweder hatte es ihr Mann nicht erzählt, oder dieser wusste ebenso von nichts. So oder so war es klüger, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
»Haste schon was vor im Sommer?«, fragte Michael.
»Nee, nur keine Postkarte an den Jugendherbergsverband.«
Michael lachte. Letzten Frühling hatten sie eine Anfrage an den Verband gestellt mit Bitte um eine Unterkunft im Juli. Ein paar Tage vor ihrem geplanten Urlaub trudelte tatsächlich ein Brief ein. Darin ein Zettel in der Größe einer Postkarte mit der Nachricht, dass es für sie in der Jugendherberge der Stadt Brandenburg eine Übernachtungsmöglichkeit für eine Woche gebe. Nicht, dass ihr Urlaub nicht schön war, aber die Ostsee oder die Berge hätten es schon sein können.
»Ok. Dann trampen wir einfach an die Ostsee. Mal sehen, wohin uns die Reise führt.«
»Mal sehen, ob unsere Knochen dann nicht in Gips liegen. Unsichere Zeiten hier, in der Sackgasse.«, grummelte Pino. Michael wertete das als Zustimmung. Pinos Frettchen in der Schrankwand wachte kurz auf und ließ einen Furz.
»Vielleicht wohne ich ja bald nicht mehr hier«, sagte Michael.
»Ach so? Ziehst du jetzt zu Frau Endrikat? Hat sie dich erhört?«
»Im Gegenteil. Jetzt kommt der Bruder ihres Mannes sie besuchen. Sie hat mich gebeten, vorerst nicht bei ihr zu klingeln. Ist ein Westler.«
»Na, und wo ziehst du dann hin?«
»In die Wilhelminenhofstrasse. Kennst du den Herrenausstatter?«
»Nee.«
»Doch. Da am Kran. Ist ja egal. Und wahrscheinlich klappt es ja auch nicht.«
»Nein. Denn dann wärst du der jüngste, der jemals in der DDR eine eigene Wohnung gekriegt hat.«
»Kann sein. Hab neulich zwei Penner, oder zumindest zwei Männer kennengelernt, die dem Alkohol sehr zugeneigt sind. War zum ersten Mal in einer Kneipe mit Soldaten und Suffköppen an einem Tisch. Die haben mir erzählt, dass bei ihnen im Haus noch eine Wohnung frei ist. Die beiden wohnen zusammen in einer. Das schärfste, die haben sie einfach besetzt. Es hieß mal, dass Haus wird abgerissen. Da haben alle Mieter eine neue Wohnung bekommen. Bleibt jetzt aber stehen, da es zwischen den Fabrikgebäuden auf der Spreeseite steht.«
»Und du meinst, du bekommst die Wohnung? Haben die einen Schlüssel?«
»Ja. Aber der Strom ist abgestellt. Jedenfalls haben sie mir ihr Wohnungsantragsformular gegeben. Ich habe es mit meinem Namen ausgefüllt und bei der KWV abgegeben.«
»Nie im Leben bekommst du diese Wohnung, Alter.« Pino schüttelte mit dem Kopf.
»Auch gut. Dann können wir weiter Gassi gehen.«
»Apropos.«

Burkhardt III

Andreas Petersell am 13.12.2017, 33UUU 92031 19863, Burkhardt und Volker


Sie hatten es gestern nicht mehr in die Markthalle geschafft. Burkhardt saß an seinem Schreibtisch. Die Akten zum flächendeckenden Verkauf in Schöneweide machten gerade mal zwei dicke Ordner aus. So ganz konnte er nicht glauben, was er da sah.
»Ich dachte, Sie haben seit Jahren verhandelt?«, fragte er Endrikat, den Verhandlungsführer und neuen Kollegen auf Zeit.
»Ja, und? Glauben Sie ja nicht, dass alles aktenkundig wird. Das wenige, was gesichert ist, steht sowieso in den Grundbüchern. Und auf die hat die Interessenvertretung Zugriff.«
»Trotzdem. Nur zwei Verkäufe in fünf Jahren.«, Burkhardt schüttelte mit dem Kopf.
»Denken Sie, was Sie wollen, Lenz.«
»Kann ich leider nicht. Der Minister möchte, dass wir eine dramatische Wende in Richtung Großbauprojekt herbeiführen. Es geht um moderne Wohnungen für fünftausend Menschen!«
»Dann müssen die Wohnungen woanders entstehen. Oder Sie enteignen einfach. Darin sind Sie doch gut, oder?«
»Das hätten wir im Normalfall auch gemacht.«, sagte Burkhardt leise.
»Keine Handwerker und kein Material, um die alten Rohre und Leitungen zu sanieren. Das ist doch der Normalfall in unserem Land! Was der Krieg nicht zerstört hat, zerfällt jetzt von ganz allein. Was sollte denn in Schöneweide plötzlich anders sein?«, fragte Endrikat erstaunt.
Burkhard überlegte. Wie viel konnte er Endrikat erzählen und wie viel wusste er bereits? Er wollte ja etwas von ihm, also musste er ihn ins Vertrauen ziehen.
»Es ist eine gewisse Dynamik eingetreten. Die Moskauer Genossen haben die Öllieferungen noch weiter gedrosselt. Waren es gestern fehlende Ersatzteile, die eine Baumaschine zum Stillstand brachten, ist es heute fehlender Sprit. Wir müssen effizienter bauen, das ist das eine. Das andere sind unsere Ausfuhren. Wir verdienen mit unseren Exporten immer weniger Geld, obwohl die Kosten steigen. Wir müssen, so die Parteiführung, dringend in den Genuss der Meistbegünstigungsklausel kommen. Die gewähren uns die Amerikaner nicht, wenn wir amerikanische Immobilienbesitzer um ihr Eigentum bringen. Erst recht nicht, wenn sie von der Claims Conference vertreten werden.«
»Na, dann weiß ich ja, wem ich es zu verdanken habe, dass Schöneweide noch nicht aussieht wie Marzahn. Die Interessenvertretung der Immobilieneigentümer hat es aber nicht eilig, zu verkaufen. Ich verstehe nicht ganz, was Ihr Part hier sein soll?«, sagte Endrikat schulterzuckend.
»Ihr Part, Volker.«
»Herr Endrikat, bitte schön. Ich verstehe nicht ganz.«
»Oberschöneweide ist auf Morast gebaut. Die alten Häuser werden rissig, weil sich Teile absenken. Das sollten Sie auf dem nächsten Treffen zu verstehen geben.«
»Das ist doch nicht wahr, oder? Warum sollte das erst jetzt zur Sprache kommen?«
»Weil das unsere Gutachten erst jetzt bestätigen.«
»Kann ich sie sehen?«, fragte Endrikat.
»Sind in Arbeit. Zwei renommierte Professoren werten die Messungen gerade aus.«
»Ich werde nichts verlautbaren, was ich nicht untermauern kann. Sie sollten bis nächste Woche vorliegen, Herr Lenz.«
»Bestimmt. Selbst wenn sie nicht vorliegen, müssen Sie das zur Sprache bringen. Wir werden es jedenfalls tun.«
»Ach so?«, Endrikats Stirn legte sich in Falten.
»Lesen Sie morgen die Berliner Zeitung
»Wie kommen Sie dazu, ohne mein Wissen sich in die Verhandlungen einzumischen? Von Absprachen halten die Genossen wohl gar nichts? Das sind Gaunermethoden! Wie wollen Sie denn eine gerechtere Gesellschaft aufbauen, wenn sie auf Lug und Trug gebaut ist?«
»Herr Endrikat, beruhigen Sie sich. Jetzt freuen Sie sich erstmal auf den Besuch Ihres Bruders und genießen die Familienfeier. Danach sieht …«
»Woher wissen Sie das?«, rief Endrikat, nun noch röter im Gesicht.
»Ist doch klar, dass das über unseren Tisch geht.«
»Soll ich Ihnen jetzt noch dankbar sein?« Endrikat nahm Mantel und Tasche und verließ das Büro. Burkhardt stand auf und schloss leise die Bürotür.

Thomas I

Andreas Petersell am 18.12.2017, 33UUU 90573 20198, Thomas und Volker


Die Grenzer auf dem Bahnsteig und in der Halle guckten unbeteiligt. Fast schien es, als ob sie eine Wette zu laufen hätten. Wer zuerst lacht, hat verloren. Thomas schloss sich dem Tross von älteren Menschen an, die sich mit Koffern bepackt zu den Kontrollschaltern begaben. Der Grenzpolizist guckte ihm tief in die Augen, um dann seinen Pass anzustarren.
»Oangenehm Aofenthalt«, wünschte der Grenzer in einem sächsischen Unterton. Thomas nahm erleichtert den Pass entgegen, als hätte er gerade eine Fahrscheinkontrolle überstanden. Er steckte den Pass in die Innentasche seines Mantels und hob die beiden Koffer wieder an. Es war wie auf einer Ameisenstraße, die sich auf eine dicke, schwere Metalltür zubewegte, die ab und zu krachend in den Türrahmen fiel. Thomas hielt sie mit einem Fuß auf und ließ somit zwei ältere Damen mit durch huschen. Da stand er, hinter einem Absperrgitter und winkte ihm zu.
»Hallo Thomas.«
»Hallo Volker.«, grüßte Thomas zurück und nahm seinen Bruder in die Arme.
»Lass uns erstmal nach oben auf den Bahnsteig gehen.«, schlug Volker vor und nahm ihm einen Koffer ab.
»Wollen wir nicht ein Taxi nehmen?«
»Nein. Mit der S-Bahn sind wir in zwanzig Minuten da.«
Thomas war erstaunt. »Ist schon eine Weile her, mein letzter Besuch.«
Sie blieben mit ihren Koffern gleich an der Tür des Waggons stehen. Thomas blickte neugierig durch die verdreckten Scheiben der S-Bahn. Die Bahn war um diese Zeit nicht sehr voll. Volker schaute sich um und fragte mit leiser Stimme: »Was ist dann eigentlich dieses Gebäude?« Er zeigte auf ein verglastes Gebäude, das schnell kleiner wurde.
»Na, ist das nicht der sogenannte Tränenpalast? Jetzt muss ich dir deine Stadt erklären?«, fragte Thomas ungläubig.
»Ich kann es mir ja schon denken. Da musst Du also in einer Woche hin?«
»Ja. Das ist die Halle für die Ausreise nach West-Berlin.«
»Und wie läuft das ab?«
»Willst du mich besuchen kommen?« Jetzt wurde auch Thomas´ Stimme leiser.
»Kann ja sein.« Volker lächelte.
»Erst kommt eine kurze Vorkontrolle. Nicht, dass die falschen versehentlich in den Westen reisen. Und stichprobenartig werden Koffer geöffnet. Danach musst du zu einer von drei Türen. Ich nehme die für Bürger der BeRrrrrDe.« Thomas malte Gänsefüßchen in die Luft und setzt das Gesicht eines Grenzpolizisten auf.
»Und das war´s?«
»Nein. Dann kommen enge Boxen wie bei einem Pferderennen. Die Passkontrolle. Die erste Prüfung ist, ob du da ausreist, wo du auch eingereist bist. Dann lassen sie dich zappeln. Sekunden, die dir wie Stunden vorkommen. Dann kriegt dein Stempel der Einreise ein Kringelchen. Und wenn du pünktlich bist, bekommst um halb zwei die letzte S-Bahn. Ich nehme an, sobald du mich da nächste Woche abgeliefert hast, gehst du auf nächste Revier und beantragst deinen Besuch?«, lachte Thomas.
»Lass uns erstmal diese Woche gemeinsam verbringen. Und vielleicht müssen dann erst wieder sieben Jahre vergehen. Wenn ich ehrlich bin, ich weiß nicht, wie ich zu der Ehre deines Besuches gekommen bin.«
»Vielleicht hat Gorbatschow angerufen.«
»Na klar.« Volker nickte geistesabwesend, als grüßte er den Wasserturm am Ostkreuz.
»Kommst du mit zu Mutter?«, fragte Thomas.
»Nein. Ich glaube nicht. Ich habe mir heute schon einen halben Tag Urlaub genommen. Auf Arbeit ist gerade viel los. Wann willst du sie denn besuchen?«
»Mitte der Woche, für zwei Tage.«
»Wir hätten am Bahnhof Friedrichstraße gleich Fahrkarten kaufen sollen.«
»Kann ich ja vor der Abfahrt machen.«, sagte Thomas und öffnete die S-Bahntür. »Lass mich mal beide Koffer tragen. So im Gleichgewicht klappt es besser.« + Thomas schaute auf seinen Bruder. Obwohl Volker der jüngere war, sah er nicht gerade danach aus. Er wirkte müde und abgespannt. Thomas war gespannt auf Gabriele und Konstantin. Den Jungen hatte er das letzte Mal als Baby erlebt.

Volker I

Andreas Petersell am 17.01.2018, Volker und Gabriele


Fünf weiße, zwei graue und eine schwarze. Volker hatte sich für eine weiße entschieden. In einer anderen Farbe hätte er sich noch unwohler gefühlt. Aber so kannte er seinen Bruder: immer eine Ausfallvariante parat. Und sei es nur eine überzählige Unterhose! Zu den Unterhosen hatte er noch schnell ein Unterhemd, Socken, ein weißes Hemd und einen hellgrauen Anzug in den Koffer gestopft. Und ab damit in den Keller. Nun lagen in Thomas´ Schrank seine DDR-Unterhosen. Immerhin aus China. Dass sein Bruder den Ost-West-Tausch der Unterhosen nicht entdecken würde, da war er sich sicher. Was aber den grauen Anzug betraf, war er es nicht. An dessen Stelle hing jetzt ein ockerfarbener Anzug, wie er wohl hässlicher nicht sein konnte. Ein zufälliger Blick von Thomas in den Schrank und die ganze Sache wäre aufgeflogen. Aber immer noch besser als in seinem schlimmsten Traum: ein Stasi-Mann hält ihm beim Verhör seine Unterhosen vor die Nase. Darin zappelte das Wäscheetikett VEB Kombinat Trikotagen Karl-Marx-Stadt. Er durfte also kein Risiko eingehen. Sowohl die Sachen am Körper als auch im Koffer mussten aus dem Westen stammen. Den Anzug brauchte er als Stütze. Er hatte genug Zeit im Anzug verbracht, um zu wissen, dass man darin selbstsicherer auftrat. Die Grenzer versteckten sich hinter Uniform und Mütze, er hinter einem schicken Westler-Anzug. Aber noch versteckte er sich unter seiner Bettdecke.
Gabrieles Atmung wurde laut und regelmäßig. Volker hatte sie am Abend noch nie schnarchen gehört. Wohl aber schmiss sie sich in kurzen Abständen von der einen auf die andere Seite. Er bildete sich ein, dass sie auf dem Zenit ihres Wurfes hellwach war. Aber bis dahin hatte er noch einige Minuten Zeit. Leise schwang er seine Beine aus dem Bett und setzte sich auf die Bettkante. War Thomas noch wach? Egal. Dessen Zimmertür war verschlossen. Er musste es riskieren. Leise ging er zur Schlafzimmertür, um augenblicklich zum Bett zurückzukehren. Wäre doch gelacht. Er bückte sich, streifte seine Hausschuhe ab und stellte sie vors Bett. Mit den Hacken zur Bettkante. Volkers Puls kam langsam runter. Die Hausschuhe guckten fragend in Richtung Stuhl, zu seinen Sachen vom Vortag. Er verspürte große Lust, Gabriele auf die Stirn zu küssen. Nach diesen Sekunden der Stille und Dunkelheit verließ er etwas, was er schon jetzt zu vermissen begann.
Im Flur wusste er genau, wo er nicht hintreten durfte. Jede Diele hatte er getestet. Wie im Schlaf nahm er Thomas´ Mantel vom Haken und prüfte, ob die Brieftasche mit dem Pass in der Innentasche steckte. Er entnahm einen Hundertmarkschein und legte ihn auf den Boden. Daneben legte er Thomas´ Schlüsselbund. Als letztes entfernte er den Kellervortürschlüssel und den Schlüssel zum Vorhängeschloss von seinem Schlüsselring und hängte ihn wieder ans Schlüsselbrett zurück.
So stand er im Schlafanzug und barfuß in Thomas´ Schuhen im Hausflur und zog langsam die Tür in Richtung Schloss. Drei Millimeter davor hielt er inne. Irgendetwas fühlte sich komisch an. Er öffnete die Tür und griff nach Thomas´ Schlüsselbund. Im Treppenhaus zog er sich den Mantel über. Aber im Keller fror er trotzdem. Erleichtert zog er den Koffer aus einem Bretterhaufen hervor und wechselte die Klamotten.

Stasileute I

Andreas Petersell am 18.01.2018, Stasileute


»Hey, Sven, wie spät isn?«
»Halb zwölf. Feierabend ist erst in einer halben Stunde.«
»Was macht der Typ da so spät mit einem Koffer«? Leutnant Sakschewski reichte Lehmann das Fernglas. Unterleutnant Lehmann sah einen Mann, der mit Schirm und Koffer am Straßenrand stand und den Daumen hob, als winke er einem Taxi.
»Das ist nicht Volker Endrikat. Ist sein Bruder aus dem Westen.« Er reichte das Fernglas zurück und kramte eine Mappe aus dem Handschuhfach hervor. Daraus entnahm er ein Foto und reichte es Sakschewski. Dieser warf nur einen flüchtigen Blick, um sofort wieder das Fernglas zu erheben.
»Mach mal die dämlichen Wischer aus. Hast Du eigentlich gemeldet, dass der Intervallschalter kaputt ist?«
»Ja.«, log Lehmann und packte die Mappe wieder weg.
»Scheiße!«, rief Sakschewski plötzlich und zeigte auf einen Moskwitsch, der wieder anfuhr. »Der Typ hat den Koffer hinten auf die Sitzbank gefeuert und ist vorn eingestiegen.«
»Ganz ruhig, Martin. Unser Auftrag lautet, Volker Endrikat zu überwachen. Und nicht seinen Bruder. Der hat bei seiner Einreise klar angegeben, dass er ihre Mutter im Bezirk Neubrandenburg besuchen wird. Das hat Genosse Endrikat gestern bestätigt. Auch, dass er für zwei Tage allein zu ihr fährt.«
»Ganz wohl ist mir trotzdem nicht. Irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß bloß nicht, was.« Leutnant Sakschewski nahm die Hand vom Zündschlüssel und lehnte sich zurück. Unterleutnant Lehmann schaltete kurz die Scheibenwischer ein und machte das Radio lauter.
»Ich bin dran mit dem Bericht. Vielleicht fällt es dir ja noch bis morgen ein. Zigarette?«
Sakschewski winkte dankend ab. Er mochte es nicht, wenn der Kollege den Wagen voll qualmte. Der Alte roch es sofort und würde es wieder zum Anlass nehmen, über den Dreckszustand des Wagens im Allgemeinen herzuziehen. Ab dem Stichwort Volkseigentum konnte er in Gedanken mit predigen.

Michael VIII

Andreas Petersell am 07.02.2018, Michael


Die Bahn war voller als sonst. Kein Wunder. Ihr Klassenlehrer in der theoretischen Ausbildung hatte die Lehrlinge noch anderthalb Stunden länger dabehalten. Es galt, eine Verfehlung zweier Lehrlinge zu besprechen. Wohlgemerkt, das waren zwei Menschen aus entfernten Stadtbezirken, die Michael kaum kannte. Sie hatten einem Rentner ein Vehikel auf drei Rädern gestohlen. Ein braunes Mopedgefährt Duo 4. Eigentlich wollte er nach dem Unterricht bei Gabriele vorbeischauen. Jetzt fuhr er mit der S-Bahn an ihrem Haus vorbei, ohne auszusteigen.
In Michaels Kopf summte es. Das dreirädrige Ding hatte genau die Farbe, die es haben musste: braun. Das war es! Ein Fliegenschiss! Er musste an die quälenden Stunden voller Peinlichkeit zurückdenken. Damals, als er sich das Opernglas seines Bruders holte, um die barbusige Nachbarin von gegenüber beim Abwasch näher bestaunen zu können. Sie am offenen Fenster, er hinter der Gardine. Plötzlich legte die Frau Handtuch und Tasse ab, schaute zu ihm und fing wild an zu tanzen. Das Fernglas gefror in seinen Händen, noch bevor er es absetzen konnte. Nach zwei Tagen des Schamgefühls klingelte er bei ihr, um sich zu entschuldigen. Niemand öffnete.
Wochen später stand er plaudernd mit Pino in der Sackgasse. Plötzlich öffnete die Frau von der Abwäsche das Fenster und winkte einer Frau zu, deren Fenster genau an Michaels grenzten. Diese plötzliche Erkenntnis, dass Wochen der Scham völlig für den Arsch waren. Das Summen in seinem Kopf wurde lauter. Um Scham ging es gar nicht! Die anderen haben uns gar nicht auf dem Schirm! Und wenn doch, dann nur als Fliege. Die größte Aufmerksamkeit, die man als Fliege bekommen kann, ist verscheucht zu werden. Und wenn einer Fliege diese Aufmerksamkeit nicht zuteil wird, hinterlässt sie eben einen Fliegenschiss. Michael hatte bei der Frau gegenüber geklingelt, doch die konnte gerade seinen Fliegenschiss nicht entgegennehmen. Und so saß Michael in der Bahn nach Hause und nicht bei Gabriele, weil Leute, die er nicht auf dem Schirm hatte, etwas hinterlassen hatten. Michaels Ärger war verflogen.
»Eingefahrener Zug nach Grünau. Einsteigen bitte!«
Michael sprang auf und schaffte es noch rechtzeitig auf den Bahnsteig. Hinter ihm fielen krachend die Türen zu und die Bahn beschleunigte. Er schlenderte nach Hause. Im Hausflur angekommen, galt sein erster Blick immer dem Briefkasten. Genauer gesagt den großen Löchern im Briefkasten. Eins von den dreien war weiß. Das hieß, es war Post da und noch keiner oben in der Wohnung. Kein Brief wie sonst, sondern ein Zettel. Michael faltete ihn auseinander.
Lieber Michael, bitte ruf mich an. Liebe Grüße, Gabriele.
Gabriele trat nie ihren Fuß in den Torbogen, um zu ihm zu kommen. Obwohl er wusste, was er sehen würde, öffnete er die Brieftasche. Jede Menge silberfarbene Münzen.

Michael IX

Andreas Petersell am 07.02.2018, Michael und Gabriele


Sie trafen sich vor Konstantins Kindergarten. Michael mochte den Kleinen. Immerhin wusste er jetzt, dass er so etwas wie ein Gespür für Kinder hatte. Er wollte später Lehrer werden, wenn alles mit seinem Abitur auf der Volkshochschule klappte. Konstantin lockerte auch dieses Mal die Atmosphäre auf und ließ keinen Platz für Dramatik, die nicht von ihm ausging. Am Spielplatz neben dem Kindergarten fanden sich allmählich alle Spielkameraden ein, die er eben offiziell verabschiedet hatte.
»Was ist? Warum treffen wir uns nicht bei Dir?«, fragte Michael, als sie ein ruhiges Plätzchen am Zaun gefunden hatten.
»Thomas wohnt jetzt bei uns. Wobei uns nicht mehr ganz stimmt. Volker ist in den Westen abgehauen.«
»Bitte?«
Statt einer Antwort reichte Gabriele ihm ein Blatt Papier.

Liebe Gabi, lieber Thomas;
wenn Ihr diese Zeilen lest, bin ich bereits im Westen. Die Entscheidung zu diesem Schritt fiel sehr spontan, aber die Gründe dafür sind schon länger vorhanden. Ich weiß nicht, wie ich jemals meine Probleme in unserer Ehe und die auf meiner Arbeit gelöst hätte. Jetzt lasse ich sie einfach hinter mir. Bitte verzeiht mir. Ich hoffe, Ihr bekommt nicht solch einen Ärger, wie ich es befürchte. Trotzdem bitte ich Euch: gebt mir drei Tage Zeit und offenbart Euch erst dann den staatlichen Organen. Dir, Thomas, sollte als Bundesbürger keine Gefahr drohen. Liebe Gabi, verzeih mir. Ich liebe Euch alle. Volker.

Erst jetzt sah Michael, dass Gabriele müde aussah und verweinte Augen hatte.
»Gestern?«
»Dienstag Abend. Gestern früh habe ich den Brief und den Kellerschlüssel im Briefkasten gefunden.«
»Also ist heute Tag 2, den Volker sich erbeten hat?«
»Ja. Thomas und ich haben den ganzen Tag überlegt, was wir machen sollen. Immerhin hat er keinen Pass mehr und die Hälfte seiner Klamotten sind auch weg.«
»Und, zu welchem Entschluss seid Ihr gekommen?«
»Ich habe bei Volker auf der Arbeit angerufen und ihn für den Rest der Woche krankgemeldet. Thomas hat das Haus nicht verlassen. Er hat Angst, dass er in eine Ausweiskontrolle gerät.«
»Ich musste bisher vielleicht zweimal den Ausweis zücken. Hat denn Volker seinen eigenen Personalausweis mitgenommen?«
Gabriele schaute ihn mit großen Augen an. »Das weiß ich nicht.«, sagte Gabriele nachdenklich.
»Volker ist als Thomas Endrikat durch die Grenzabfertigung spaziert? Wahnsinn.«
»Michael, ich muss nach Hause.«
»Nach Hause zu Thomas?«
»Ach Quatsch. Konstantin! Komm! Wir gehen nach Hause.«

Burkhardt IV

Andreas Petersell am 02.02.2018, Burkhardt


Die Zahlen waren ernüchternd. Burkhardt hatte beim Magistrat Einsicht in die Baukosten erhalten. Wo im Neubaugebiet von Marzahn ein Fünfgeschosser mit 15 Wohneinheiten entstand, konnten für die gleiche Summe im maroden Schöneweide gerade mal sechs Wohnungen wieder bewohnbar gemacht werden. Die Genossen mussten handeln. Er würde seinen Teil dazu beitragen. Wenn er den Vorgang »Morast« zum Erfolg führen würde, konnte ihn der Alte nicht mehr weiter übergehen. Er hatte lange genug auf eine Beförderung gewartet. Und das Warten, die Überwachung bei Wind und Wetter hatte ihn beinahe die Gesundheit ruiniert. Sein Arzt hatte ihn gefragt, was er im Leben noch erreichen wolle. Er hatte herumgedruckst und wollte gerade zum Sprechen ansetzen, da donnerte es: » Vergessen Sie´s! Was immer es auch ist, Sie werden es nicht vollenden. Ich gebe Ihnen noch zehn Schachteln Cabinet. Das war´s dann! Auf Wiedersehen.«
So kaute er auf Zahnstochern herum. Als erstes kaute er die Spitzen weich. Die Dinger kamen ihm nämlich gefährlicher vor als Zigaretten. Er schmiss einen durchgetränkten Stocher in den Papierkorb. Volltreffer. Vielleicht hatte er mit dem »Morast« Glück. Endrikat hatte sich in den letzten beiden Tagen sehr kooperativ verhalten. Er hatte ihm sämtliche Schätzpreise der Immobilien aufgelistet. Im Vergleich dazu auch den Preis, den man in West-Berlin für ähnlich gelegene Grundstücke erzielen konnte. Burkhardt begriff zum ersten Mal, was es hieß, immobil zu sein.
Das Telefon riss ihn aus tieferen Erkenntnissen. Der Alte wollte Fortschritte im Vorgang »Morast« sehen. Er erzählte Oberstleutnant Paul von Endrikats positiver Mitarbeit und dass er sich für die Verhandlungen in der nächsten Woche nur das Beste versprach. Nein, die Berichte lagen noch nicht vor. Burkhardt legte auf und ging zum Büro von Sakschewski und Lehmann.

Burkhardt V

Andreas Petersell am 08.02.2018, Burkhardt


Das Linoleum in den Gängen glänzte. Burkhardt öffnete ohne anzuklopfen die Tür zu Sakschewskis Büro. Leutnant Sakschewski nahm schnell die Beine vom Schreibtisch und Lehmann schloss gemächlich eine Schublade. Wie auf Kommando standen sie neben ihren Schreibtischen und grüßten »Genosse Oberleutnant!«
»Wünsche wohl geruht zu haben. Es ist bereits Mittag durch und auf meinem Schreibtisch findet sich kein Bericht?«
Lehmann zog ein Blatt Papier vom Stapel und reichte es Burkhardt. Der überflog den Bericht und kratzte seinen Haaransatz.
»Um 23:17 Uhr verließ Thomas Endrikat das Haus und stieg in einen dunkelfarbenen Moskwitsch, der für ihn anhielt, und fuhr nach Süden.«
»Genossen, das Einzige, was mich hier an einen Bericht erinnert, ist die Uhrzeit. Der Rest ist Goethe. Sakschewski, Sie erzählen mir jetzt haarklein, was sie beide am Dienstagabend beobachtet haben. Ob Sie im Wagen geraucht haben oder die Schlager der Woche gehört haben, können Sie weglassen. Das weiß ich.«
Leutnant Sakschewski und Unterleutnant Lehmann erzählten ihre Beobachtungen.
»Genosse Lenz, es gibt etwas und ich weiß noch nicht einmal, was es ist. Ich wollte Ihnen erst den Bericht zukommen lassen, wenn ich darauf gekommen wäre, was mir komisch erschien.«, murmelte Sakschewski.
»Woher wissen Sie eigentlich genau, dass Sie Thomas Endrikat gesehen haben?«
Lehmann hielt ein Foto hoch. »Weil er die selben Sachen anhatte wie bei seiner Einreise.«
Burkhardt beachtete das Foto nicht. »Haben Sie Endrikat-Ost auf der Arbeit angerufen?«
»Ja, gleich gestern früh. Er ist für die restliche Woche krankgeschrieben. Will sich wohl mit seinem Bruder eine schöne Zeit machen. Verständlich.« Endlich konnte Lehmann zeigen, dass er auch nicht von Pappe war. Plötzlich donnerte Sakschewskis Faust auf den Schreibtisch, auf dem Burkhardt mit einer Gesäßhälfte versuchte, die Fassung zu wahren.
»Jetzt weiß ich es! Dieser Mann hob sofort den Daumen, obwohl weit und breit kein Taxi zu sehen war.«
»Verstehe ich nicht.«, sagte Lehmann.
»Und wir haben eigentlich nur einen Schirm, Mantel und Koffer gesehen. Aber es hatte jetzt nicht in Strömen geregnet.«, Sakschewski schien mehr laut zu denken als zu sprechen.
Burkhardt versuchte, sich die Szene vorzustellen. Ein Mann mit Koffer und Schirm, der dazu noch einem Taxi winkt, das nicht da war.
»Ich verstehe es immer noch nicht.«, rief Lehmann.
»Schwarztaxi!«, entfuhr es Burkhardt. Wie konnte ein Westler, der jahrelang nicht im Osten war, sich ein Schwarztaxi heranwinken? Lehmann sah man an, wie sein Hirn auf Hochtouren lief, in dem er alles noch einmal Revue passieren ließ. Sakschewski blickte mit Erleichterung auf Burkhardt. Dieser machte eine kurze Ansage.
»Sie beide in 30 Minuten zu mir ins Büro. Kein Wort über diese Zusammenkunft zu irgendjemanden! Auch nicht zu Oberstleutnant Paul, verstanden?«
»Verstanden.«
»Nur soviel: Einsatzbefehl heute Abend bei Volker Endrikat.« Burkhardt schloss die Bürotür hinter sich und schlitterte ins flimmernde Linoleum-Meer.
Moskwitsch nach Süden. Dass ich nicht lache! Sie hatten gepennt, diese Dilettanten. Alle Autos auf der Straße Am Treptower Park fuhren nach Süden. Um dann aber entweder nach links ins Zentrum zurück oder geradeaus nach Süden Richtung Flughafen zu fahren. Burkhardt entdeckte in zehn Meter Entfernung ein Schiffchen im Meer. Als er nahe genug heran war, entpuppte sich das Schiffchen als abgekauter Zahnstocher. Jetzt hinterließ er schon Spuren wie ein Dilettant. Er überzeugte sich, dass er der einzige auf dem Flur war und steckte das Hölzchen in die Hosentasche.

Michael X

Andreas Petersell am 12.02.2018, Michael und Pino


»Hallo Michael, komm rein.«, sagte Emma. »Pino schläft.
»Nanu, er hatte Nachtschicht?«
»Nein, Frühschicht. Aber sein Frettchen hatte heute Nacht ’ne Party.« Emma ging lachend ins Wohnzimmer zurück und positionierte sich einen zweiten Sessel für ihre Füße.
»Mist. Ich muss ihn dringend sprechen. Kann das Vieh nicht einfach mal die Regenrinne runterklettern?«
»Du meinst, Du öffnest die Scheibe in der Schrankwand und danach das Fenster?«
»Nee, das muss er schon selber tun. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob das ein Wildtier ist oder so eine Schrankwandzüchtung.«
»Stinken tun sie alle.« Emma hatte endlich zu ihrer Ausgangsposition im Sessel zurückgefunden.
»Hey Alter!« Pino winkte verkniffen durch die Wohnzimmertür. »Gib mir zehn Minuten.«
Nach fünf Minuten ging Michael zu Pino ins Zimmer. »Ooh, mach mal das Fenster auf!«.
»Bist Du deswegen hier?« Pino legte eine braune Decke über sein Bettzeug und machte eine einladende Handbewegung.
»Ich bräuchte Deine Hilfe. Aber nicht sofort. Sondern so gegen 20.00 Uhr. Geht das?«
»Ist OK. Kann ich ja noch eine Schachtel rauchen.«
»Wolltest du das Rauchen nicht langsam runterfahren?«, fragte Michael.
»Du verstehst keinen Spaß mehr, Alter. Du kommst mit der absoluten geheimen Aktion um die Ecke, und ich sage dann: Ich will nur noch meine Schnittchen essen. Was ist los?«
»Wir radeln nach Treptow zu Frau Endrikat. So dass wir genau um 20:45 Uhr da sind.«
»Kannst ruhig Gabriele sagen«, unterbrach ihn Pino.
»Da ist irgendetwas faul. Ihr Mann soll abgehauen sein.«
»Ist doch genau das, was du wolltest?«
»Verstehst du nicht? In den Westen!«
»Hammer! Wahnsinn. Und was willst du Punkt dreiviertel neun bei ihr? Die Westpakete werden wohl noch etwas auf sich warten lassen.« Pino war nun endgültig ausgeschlafen.
»Da schläft ihr Sohn. Und statt ihres Mannes sitzt jetzt ein anderer Typ am Abendbrottisch.«
»Du bist eifersüchtig! Kaum ist der Alte endlich aus dem Haus, ist schon ein neuer da. Trotzdem verstehe ich da einiges nicht.«
»Erzähle ich dir unterwegs.«
»Wozu brauchst du mich dabei? Soll ich da mit hochkommen?«
»Nein. In sicherer Entfernung eine halbe Stunde warten. Die Typen, die mir die Arme umgedreht haben, haben bestimmt damit zu tun. Irgendwie habe ich Schiss«, sagte Michael

Burkhardt VI

Andreas Petersell am 16.02.2018, Burkhardt


Die beiden nickten. Major Lenz war gewillt, ihnen eine zweite Chance zu gewähren.
»Das ist völlig offen, was uns erwartet. Entweder beide Endrikats oder nur einer. Wer auch immer. Sobald ich in der Wohnung bin, rücken Sie bis vor die Wohnungstür nach. Unterleutnant Lehmann, Sie fragen unten jeden Neuankömmling, wohin er will. Ausweiskontrolle, Sie wissen schon. Wenn einer zu Endrikats möchte, Personalien aufnehmen und wieder wegschicken. Außer natürlich die Endrikats selbst. Die anderen ohne Personalien passieren lassen. Ich möchte da oben keinen Besuch haben. Oberstleutnant Paul weiß von diesem Vorgang nichts. Dabei soll es bleiben. Verstanden?«
»Zu Befehl!« Das Scheppern der drei Wartburgtüren ging im Geknatter einer Lärmlawine Richtung Süden unter

Michael XI

Andreas Petersell am 21.02.2018, Michael und Pino


Eigentlich fuhren sie sonst immer an der Spree entlang nach Treptow. Aber jetzt war es dunkel und es musste schnell gehen.
»Also für mich noch mal zum Mitschreiben. Ihr Mann ist als Westler verkleidet ab in den Westen. Und am Grenzübergang hat keiner etwas bemerkt?«, fragte Pino.
»Das weiß sie nicht. Sie hat nur einen Abschiedsbrief im Briefkasten gefunden. Sie nehmen an, dass es so war. Dem Bruder fehlt ein Koffer, Klamotten und der Reisepass.«
»Gibt´s denn im Westen noch etwas anderes als den Reisepass? Ich kenne nur einen Personalausweis.« Pino radelte nun schneller und war gleich auf zu Michael.
»Frage ich. Ich habe auch nur einen Personalausweis. Lass uns nächste abbiegen. Wir kommen besser von der Parkseite zu Gabrieles Aufgang. Mach mal Dein Licht aus.« Als sie in den Park einbogen, wurde es schlagartig dunkel. Sie fuhren durch den spärlich beleuchteten Park bis auf die Höhe zu Gabrieles Hausnummer.
»Du bleibst besser mit den Rädern hinter einer Hecke auf einem Parkweg gegenüber. Aber pass genau auf, ob sich was bewegt. Ich komme spätestens in einer halben Stunde wieder zu Dir.«
Es war kein verdächtiger Lada oder Wartburg mit Insassen zu sehen. Michael wollte gerade die Straße überqueren und Pino mit den Fahrrädern hinter sich lassen, als Pino rief »Warte!«.
Michael sah sich um. »Was soll das alles? Was willst du denn erreichen?« Jetzt erst merkte Michael, dass auch Pino Angst hatte. Sie hatten zusammen Schuhe gestohlen und die alten ins Regal gestellt, hatten Keller durchsucht, hatten Möbel von Dachböden geklaut - aber eben immer zusammen. Das Warten allein war Pino nicht geheuer. Michael hob die Hand. War es ein Abwinken? War es ein Winken?
»In einer halben Stunde!«, rief er einfach.

Burkhardt VII

Andreas Petersell am 13.03.2018, Burkhardt


Burkhardt klingelte und sah, wie wenig später der Spion betätigt wurde. Er versuchte, freundlich zu wirken. Grimmig gucken konnte er später, wenn er den Fuß in der Tür hatte, immer noch. Frau Endrikat öffnete mit fragendem Blick.
»Volkspolizei. Guten Abend. Frau Endrikat?«
»Was gibt´s?«, fragte sie nickend.
»Es geht um den Aufenthalt ihres Schwagers Thomas Endrikat. Ich habe ein paar Fragen zwecks Klärung eines Sachverhalts.«
»So heißt es ja immer.« Sie umklammerte die Tür und schob sie langsam Richtung Türrahmen. »Er kommt morgen zu ihnen aufs Revier, Herr …?«
»Lenz. Es eilt!«
»Na hören Sie mal!«
»Sogar sehr.« Burkhardt stieß gegen die Tür und verschaffte sich Einlass. Leutnant Sakschewski stellte sich nun seinerseits in den Türrahmen, doch Burkhardt schloss die Tür hinter sich und rief im Flur »Herr Endrikat?«
»Ist das hier so Usus? Gestapo-Methoden im kommunistischen Paradies?«
Frau Endrikat öffnete die Küchentür, in der Thomas Endrikat an einem gedeckten Abendbrot-Tisch saß. Burkhardt war nicht zu einem weltanschaulichen Schlagabtausch hier. Ganz geheuer war ihm sein Vorgehen selbst nicht. Sein ziviles Gewissen war nicht ausgeschaltet. Ganz anders verhielt es sich, wenn Vorgesetzte ihm einen Einsatzbefehl gaben, in die Wohnung einer Familie einzudringen. Aber seine Uniform gab ihm die Entschlusskraft zurück. Höflich, aber bestimmt sagte er: »Guten Abend, Herr Endrikat. Können Sie sich ausweisen?«
Endrikat sah ihn schweigend an. Bis Frau Endrikat in den Flur zurückging und irgendwo herumfuchtelte. Wieder in der Küche legte sie einen blauen Ausweis mit Hammer und Sichel auf den Tisch. Burkhardt schwante nichts Gutes.
»Frau Endrikat, wo ist ihr Mann?«
»Wir dachten, Sie sind gekommen, um uns genau das zu sagen?«, rief sie laut. Burkhardt griff sich den Personalausweis und starrte auf einen Volker mit fast üppigem Haar. Er legte ihn zurück und griff sich einen Küchenstuhl.
»Können Sie mir Ihren Mantel zeigen, Herr Endrikat?«
Frau Endrikat stand auf, doch Burkhardt knurrte laut »Den, den Sie bei der Einreise anhatten.« Sie setzte sich nun ebenfalls an den Tisch, an dem nun völlige Stille herrschte. Bis sie lautes Gebrüll aus dem Hausflur vernahmen. Burkhardt öffnete die Wohnungstür und lauschte. Sakschewski und Lehmann waren verschwunden. Zurück am Tisch griff Burkhardt erneut zum Personalausweis. Die Hinweise auf der ersten Seite kannte er fast auswendig. Als Kinder hatten sie sich den Text immer wieder gegenseitig vorgelesen. Nur hatten sie dabei das Wörtchen Personalausweis mit Inbrunst als Arsch gesprochen.

Dieser Personalausweis ist Ihr wichtigstes Dokument. Sie haben deshalb den Personalausweis stets bei sich zu tragen, vor Verlust zu schützen und auf Verlangen den Angehörigen der Sicherheitsorgane der DDR auszuhändigen bzw. vorzuzeigen.

Volker Endrikats Ausweis lag hier und sein Arsch war weg. Die Endrikats schauten ihm gebannt beim Blättern zu. Sollten sie ruhig glauben, dass er nachdachte. Irgendwie tat er das ja auch.
»Frau Endrikat, warum haben Sie mir den Ausweis Ihres Mannes gebracht?«
»Weil Thomas heute schon mal nach seinen Ausweis gefragt wurde. Und der Polizist hat ihm diesen ohne Zögern wieder zurückgegeben.«
»Sie sind als Volker Endrikat herumspaziert? Warum?«, fragte Burkhardt.
»Hab den falschen Bus genommen. Fuhr in die richtige Richtung los, um dann im Kreis zu fahren.«
»Ringlinie 64«, sagte Frau Endrikat.
»Bin dann aus Verzweiflung ausgestiegen und ein Stück gelaufen. Bis ich vor einer Mauer stand. Die Mauer eben! Hab wohl einen netten Grenzer erwischt.«
»Aber warum sind Sie als Endrikat-Ost unterwegs gewesen?«
»Sagen Sie´s uns!«, konterte Endrikat.
»Ihr Reisepass und Ihr Mantel sind verschwunden.«
»Bingo!«, stieß Endrikat-West aus.
»Und der Berechtigungsschein wahrscheinlich auch?«
Endrikat nickte.
»Hören Sie. Verhalten Sie sich beide ruhig. Ich versuche, Einzelheiten herauszubekommen. Herr Endrikat, ich muss Sie bitten, Ost-Berlin bis auf Widerruf nicht zu verlassen. Ohne Pass und Berechtigungsschein sollten Sie sich einem Grenzer noch nicht mal auf hundert Meter nähern. Sie würden im Knast landen. Und nach Neubrandenburg zur Ihrer Mutter fahren Sie bitte auch nicht. Ich bin morgen gegen 11:00 Uhr wieder da. Im Interesse Ihres Bruders, seien Sie morgen da! Den Ausweis nehme ich mit.

Michael XII

Andreas Petersell am 15.03.2018, Michael und Stasileute


In Gabrieles Hausflur war Licht. Das hieß für Michael immer Vorsicht! Er hatte nicht vor, Gabrieles Mann Volker in die Arme zu laufen. Doch dieses Mal war es anders. Volker war abgehauen. Trotzdem wartete er, wer hinauskam. Schon zum dritten Mal wurde das Licht nach einer kurzen Pause wieder angeschaltet. Was soll´s! Michael öffnete die Haustür und sah einen Polizisten auf dem ersten Absatz thronen.
»Guten Abend, zu wem möchten Sie denn?« Er pflanzte sich regelrecht in Michaels Weg. Schon durch die steilen Stufen war der Polizist doppelt so groß wie er.
»Nach Hause«, log Michael.
»Darf ich mal Ihren Ausweis sehen?«
Statt zu antworten duckte sich Michael und rannte die Stufen hinauf. Noch im Sturz wurde ihm klar, dass sein Entschluss, links am Polizisten vorbeizuhuschen, eine Einladung für dessen rechtes Bein war. Er spürte einen Brechreiz. Ein zweiter Polizist kam die Treppe herunter gerannt. Michael hatte mal gehört, dass um Hilfe schreien nichts bringt. Er nahm den kläglichen Rest seiner Stimme zusammen und brüllte »Feuer! Feuer!«. So schnell wurde noch nie ein Feuer ausgetreten. Fäuste und Stiefel trafen abwechselnd. Bis er keuchend im Schwitzkasten durch die Tür auf den Hof geschleift wurde.
»Hol den Wagen! Ich warte hier im Durchgang.«
Michaels Kräfte ließen nach. Ein Stern nach dem anderen verblasste. Zum Glück lockerte der Griff alle Minute für ein paar Sekunden. Bis er endlich das typische Wartburg-Geräusch hörte. Er bekam eine Wollmütze auf den Kopf über die Augen gestülpt und wurde in den Wagen gepresst. Fehlten nur noch die Handschellen. Und klick. Seine Hände auf dem Rücken spürten kaltes Eisen. Es war kein Traum.
Michael wusste, von wo sie starteten. Er spürte, dass sie zu dritt im Wartburg saßen. Seine Entführer sagten vorn kein Wort. Sie bogen nach links in die Bulgarische Straße, Richtung Zentrum. Wenn die Mütze zu seiner Desorientierung beitragen sollte, hatten die Herren sich gründlich getäuscht. Nochmal nach links, Richtung Zentrum. Da er nicht angeschnallt war, konnte er sich wie ein Motorrad-Sozius rechtzeitig in die Kurve legen. Gott sei dank hatten sie seinen Mund nicht mit einem Knebel versehen. Seine Nase war so gut wie immer angeschwollen. Auch nach einer Polypenentfernung atmete er hauptsächlich durch den Mund. Er wollte, dass es ohne Knebel blieb und hielt die Klappe. Die Polizeiuniformen und die Handschellen hatten ihn überzeugt, dass sie es ernst meinten und es sowieso nicht ihre eigene Entscheidung war. Sie also auch nicht ändern konnten.
Nach rechts, Elsenbrücke. Richtung Zentrum. Michael spürte förmlich am ganzen Körper, wie er die Spitze der Brücke erklomm und nun langsam abrollte. Mit geschlossenen Augen spürte man seinen Körper. Dieser bereitete sich auf die Linkskurve vor, beugte sich nach links, ins Zentrum. Doch plötzlich machte der Wartburg eine scharfe Kurve nach rechts. Sein Kopf prallte gegen die Fensterscheibe, um danach sofort nach hinten gedrückt zu werden. Sein Kopf schmerzte. Die Mütze hatte ihn nur wenig geschützt. Verdammt! Was hatten die beiden vor? Er war mal am Tage mit Gabriele auf Stralau spazieren, einer verschlafenen Halbinsel. Hier ging es nur noch wenige Hundert Meter geradeaus, dann war es finstere Nacht. Wollten Sie ihn umbringen oder quälen?
Der Wagen holperte die letzten Meter über Kopfsteinpflaster, bis er stehen blieb. Der Beifahrer stieg aus und öffnete den Kofferraum.
»Bringen Sie mich jetzt um?«
Der Fahrer blieb kurz ruhig. Michael spürte seinen Atem. Als ob er etwas sagen wollte. Dann stieg auch er aus. Michaels Tür wurde aufgerissen.
»Aussteigen!« Kaum war er draußen, der nächste Befehl: »Stehen bleiben!«
Er spürte ein Seil um seine Hände, das fester gezogen wurde. Danach ein Klick und die Handschellen verschwanden.
»Zwei Meter geradeaus bis zur Sitzbank, umdrehen und setzen!«
Sekunden danach heulte der Wartburg auf und rappelte übers Kopfsteinpflaster rückwärts davon, bis er hielt und wendete.

Pino I

Andreas Petersell am 22.03.2018, Pino und Stasileute


Als Pino den Polizisten über die Straße genau auf ihn zulaufen sah, drückte er schnell die Zigarette aus und versteckte sich hinter einem Baum. Der Typ rennt doch nicht jedem Glühen im Park hinterher! Jetzt hätte er schon längst bei ihm sein müssen, doch nichts passierte. Nur eine Wartburgtür schepperte. Pino lugte hinter dem Baum hervor und sah einen ockerfarbenen Wartburg nach nur 10 Metern wieder anhalten. Genau vor dem Durchgang, in dem Michael vor 5 Minuten verschwand. Der Fahrer stieg aus und öffnete die Fondtür. Ein zweiter Polizist kam aus dem Durchgang. Er lief gebückt. Moment mal, war das nicht Michael da im Schwitzkasten? Pino rannte los über den Parkplatz, doch eine Gruppe lärmender Lichtkegel zwang ihn, an der Bordsteinkante zu warten. Da fuhr der Wartburg los. Hinten saß jemand, aber er war nicht zu erkennen. Michael hatte keine Mütze auf. Eine Mütze bis zum Hals? Verdammt, sie hatten ihm eine Mütze tief über die Augen gezogen. Er war es! Pino überlegte kurz, bei Frau Endrikat zu klingeln. Aber das hätte nichts geändert. Er hatte gesehen, was er gesehen hatte: eine Entführung. Er überquerte wieder die Straße und ging zurück zu den Rädern. Er brauchte einen klaren Kopf. Sollte er zur Polizei gehen und eine Anzeige erstatten, weil zwei Polizisten seinen Kumpel entführt hatten? Absurd.
Sie waren nach links abgebogen. So viel glaubte er gesehen zu haben. Aber wohin ins Zentrum waren sie gefahren? Er hatte keine andere Wahl. Er musste bei Michaels Geliebten klingeln. Allemal besser, als hier mit zwei Rädern rum zustehen. Kaum ging er über die Straße, kam ein weiterer Polizist aus dem Durchgang. Der guckte suchend um sich, sah aber wesentlich friedlicher aus als seine Kollegen. Pino ging entschlossen auf ihn zu.
»Guten Abend. Sagen Sie, ich war hier mit meinem Bekannten verabredet. Aber Ihre Kollegen waren schneller und haben ihn in ein Auto gezerrt und sind losgefahren. Wohin eigentlich?«
»Ins Auto gezerrt? Welches Auto soll das gewesen sein?« Das Interesse des Polizisten schien nicht geheuchelt.
»Kackbrauner Wartburg. Oder eher Kotze? Das müssen Sie doch am besten wissen!«
»Nun werden Sie mal nicht frech. Können Sie sich ausweisen?«
Pino reichte seinen Personalausweis rüber.
»Peter Reichelt«, las der Polizist laut. »Und wie heißt Ihr Bekannter?«
»Michael Pötzel«
»Gibt es hier nicht im Haus.«, sagte der Polizist nicht gerade einfühlsam.
»Und das reicht schon, um entführt zu werden?« Pino staunte selbst über seinen Mut. Vielleicht würde er ja auch gleich weggebracht?
»Sie halten sich wohl für witzig?« Der Polizist reichte ihm seinen Ausweis zurück.
»Kennen Sie eine Frau Endrikat?«, fragt er.
»Flüchtig. Wieso?«
»War sie eine ehemalige Lehrerin von Ihnen?«»Wenn Sie schon alles wissen, warum fragen Sie dann?«
»Rauchen Sie?«, fragte der Polizist Pino und hielt ihm eine Schachtel Cabinet hin. Pino war perplex. Was konnte er jetzt schon machen? Er nahm sich eine Zigarette und holte sein Feuerzeug raus. Doch sein Gegenüber steckte die Schachtel wieder weg und steckte sich einen Zahnstocher in den Mund.
»Wir hatten im Aufgang eine Routinebefragung. Die Kollegen im Treppenhaus sollten für Ruhe sorgen. Die Herr Pötzel wohl nicht einhalten wollte. Auf keinem Fall stand er im Fokus unserer Ermittlungen. Alles wird sich aufklären. Wahrscheinlich ein Missverständnis.«
»Hoffen wir’s«, sagte Pino, der schon jetzt überlegte, was er nach dem Ausdrücken der Zigarette wohl machen könnte. Der Polizist schaute kauend gen Norden, als erwartete er jemanden. Pino konnte die Zigarette nicht genießen. Sein Gegenüber rauchte nicht mit, der Lärm der Autos war stressig und nebenbei hatte die Polizei seinen Kumpel entführt. Er drückte die Zigarette aus.
»Schönen Abend noch. Ich gehe zur Polizei, die Entführung anzeigen.«
»Machen Sie Witze?« Der Polizist warf endlich seinen albernen Zahnstocher weg.
»Haben Sie eine bessere Idee? Wie heißen Sie eigentlich?«
»Kommen Sie morgen auf die Wache Bulgarische Straße und fragen nach Major Lenz. Da wird sich alles aufklären. Ihr Bekannter wird aber richtig Ärger kriegen, wenn er sich hier noch mal blicken lässt.«, knurrte der Uniformierte.
Aus dem Meer der heran dröhnenden Lichter zappelte ein Blinklicht. Der ockerfarbene Wartburg hielt direkt vor ihren Füßen.
»Warten Sie kurz«, rief Lenz Pino zu, als dieser in den Wagen stieg. Nach zehn Sekunden kurbelte Lenz die Scheibe herunter und sagte »Stralau«. Der Wagen heulte auf und fuhr an. »Halbinsel Stralau, na los!« Der Wartburg fuhr davon.

Burkhardt VIII

Andreas Petersell am 08.04.2018, Burkhardt und Stasileute


Oberstleutnant Paul kam eine Viertelstunde später. Punkt acht hatte Burkhardt vor dessen Tür gewartet. Sein schwerster Gang in seiner bisherigen Laufbahn. Er hatte sich auf das Schlimmste eingestellt. Auf Gebrüll, auf Demütigungen oder Gespött. Aber nichts dergleichen geschah. Kaum hatte er mit seinen Schilderungen des letzten Abends geendet, griff Paul zum Telefonhörer. Das Ganze noch dreimal.
»Die Genossen von der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße rufen in zehn Minuten zurück. Dann wissen wir, ob Volker Endrikat die GüST gestern Abend passiert hat. Bei den anderen GüSTs dauert es länger. Kein Ruhmesblatt, Lenz, was Sie und Ihre Truppe sich da ausgestellt haben!«
»Vielleicht sitzt er ja bei den Genossen der Passkontrolleinheit.«
»Na und? Morgen startet die Aktion Morast. Meinen Sie, ein Republikflüchtiger wird von den Genossen der HA VI als Belobigung noch am selben Tag entlassen?«
»Warten wir die zehn Minuten ab«, bat Burkhardt. Aber Paul hatte Recht. Der Vorgang Morast als ganzes war gefährdet. Langsam begriff Burkhardt. Auch Oberstleutnant Paul saß irgendwie in der Klemme. Armeegeneral Mielke konnte ungemütlich werden. Aber schlimmer noch, Mielke vergaß nicht so schnell. Da saß man dann schon mal für Jahre in einer Karriere-Sackgasse - wenn es gut lief!
»Genosse 0berstleutnant! Wir haben einen Endrikat mit einem DDR-Personalausweis in der Wohnung der Endrikats zu sitzen«, formulierte Burkhardt vorsichtig. Paul starrte ihn an.
»Sie haben einen zu sitzen, Lenz! Diese Räuberpistole mit dem Jungen da! Und überhaupt, warum haben Sie mir nicht sofort Bericht gegeben?«
Burkhardt hatte auf einen Ausbruch eines Vorgesetzten eine ehrliche Antwort gegeben. Aber jetzt spürte er, dass sie beide im selben Boot saßen.
»Weil es nichts geändert hätte. Mir waren die Hände gebunden. Wir beide werden Generalleutnant Kleine so viel Bericht erstatten wie nötig.«
Burkhardt sah Oberstleutnant Paul rot anlaufen. Plötzlich klingelte das Telefon. Paul hielt regungslos den Hörer an den Kopf, der nicht blasser werden wollte.
»Danke, Genosse Müller.« Paul legt langsam auf.
»Kein Endrikat an der GüST Friedrichstraße!«, sagte er schließlich.
Burkhardt musste sich setzen, was er sich bisher nicht getraut hatte. Für Sekunden sagte keiner ein Wort.
»Lenz, was haben Sie vorhin gesagt?«
»Dass Generalleutnant Kleine nichts wissen muss, was uns nicht weiter bringt?«
»Nein. Dass mit Endrikat und dem DDR-Ausweis. Was haben Sie damit gemeint?«, fragte Paul ruhig und bestimmt. Burkhardt schöpfte wieder Hoffnung. Er wusste, dass Paul ihn sehr gut verstanden hatte.
»In den morgen beginnenden Verhandlungen muss ein Verhandlungsführer des Magistrats von Berlin beiwohnen und bei eventuellem Abschluss mit Endrikat unterschreiben.« Burkhardt versuchte, eine Pokermiene aufzusetzen.
»Und?«
»Haben wir. Gleiche Größe, gleiche Stimmlage, gleicher Dialekt, gleiches Fachwissen, gleicher Name, selber Ausweis.«
»Gut gemacht, Major! Wann wollten Sie Endrikat aufsuchen?«
»Um elf.«
»Gut. In einer halben Stunde in Uniform in meinem Büro. Wir fahren beide. Ich spreche, Sie dürfen die Pausen als good cop füllen, verstanden?«
»Zu Befehl, Genosse Oberstleutnant!«

Burkhardt IX

Andreas Petersell am 08.04.2018, Burkhardt, Thomas und Gabriele


Den Lada fuhr Paul selbst. Um diese Zeit gab es jede Menge Parkplätze am Rande des Parks. Burkhardt klingelte und trat zuerst ein. Als Paul folgte, guckte Endrikat verwundert.
»Nanu, Lenz, Sie haben Besuch mitgebracht?« Thomas Endrikat öffnete die Tür zur Küche. Er und Burkhardt setzten sich.
»Das wird kein Plauderstündchen, Endrikat! Können Sie sich ausweisen?«, fragte Paul schroff.
»Ist das Ihr Ernst? Hat Ihr Kollege hier Sie nicht aufgeklärt?«
Burkhardt legte den Personalausweis vom Vortag auf den Tisch. Paul nahm ihn auf und blätterte darin.
»Sie spinnen ja!« Endrikat stand auf. Paul kam auf ihn zugeschossen und drückte ihn auf den Stuhl zurück.
»Wer sind Sie?«
»Thomas Endrikat«
»Sicher?«
»Ganz sicher.«
»Und wem sollen wir nun glauben? Ihnen oder dem Herrn auf der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstrasse?«
Endrikat schluckte und schwieg.
»Für Beihilfe zur Republikflucht kriegen Sie zehn Jahre, Endrikat!«, fauchte Paul. »Im Osten ticken die Uhren etwas langsamer, vor allem im Gefängnis!«
»Was soll das? Können Sie mir das beweisen?«
»Der Beweis sitzt mit Ihrem Pass im Untersuchungsgefängnis!«, brüllte der Oberstleutnant und packte Endrikat am Hemdkragen. Mein Einsatz, dachte Burkhardt. Er griff Paul am Unterarm und sagte mit ruhiger Stimme: »Genosse!«
Paul war ehrlich überrascht und überließ Burkhardt bereitwillig die Regie.
»Genosse, wenn der Endrikat im Gewahrsam der Grenzpolizei ein Bundesbürger ist, dann sitzt hier der Genosse Endrikat, der morgen für den Berliner Magistrat Immobilieneigentümern aus den USA, Israel und der BRD Immobilien abkauft. Oder sehe ich hier etwas falsch?« Vier Augen richteten sich auf Burkhardt.
»Scheint so«, sagte Paul.
»Ich weiß nicht, was hier gerade läuft, aber ich bin tatsächlich Immobilienhändler. Wenn dem so ist, wie Sie sagen, Herr Lenz, dann sitzt mein Bruder zu Unrecht im Gefängnis.« Endrikat erschien wieder gefasst.
»Vielleicht, das werden wir herausfinden. Sie werden uns zeigen müssen, dass Sie etwas von Immobilien verstehen. Wenn Sie gute Arbeit für unsere Hauptstadt leisten, wird sich der Irrtum sicher bald aufklären lassen«, sagte Paul, sichtlich beruhigt.
»Ich bin gern vorbereitet. Um welche Verkäufe geht es morgen?«, fragte Endrikat.
»Na, die in Schöneweide. Das wissen Sie doch?«, lächelte Burkhardt ihn an. Und Endrikat nickte tatsächlich. Fast glaubte Burkhardt, auf Endrikats Gesicht Spuren von Erleichterung und Freude zu entdecken. Der Kerl schien wirklich zu glauben, die DDR würde einem Republikflüchtligen aufgrund der guten Führung eines Westbürgers die Freiheit schenken.
»Genosse Lenz, Sie werfen einen Blick in den Kleiderschrank unseres Kollegen hier. In seinem jetzigen Erscheinungsbild würde ich ihm noch nicht mal ne Tüte Tomaten abkaufen. Falls nötig, gehen Sie mit ihm in das entsprechende Geschäft und die Änderungsschneiderei. Ich erwarte sie beide um 14 Uhr in Ihrem Büro beim Magistrat. Bringen Sie Ihren Personalausweis mit, Genosse Endrikat. Am besten, Sie tragen ihn immer bei sich. Ich empfehle Ihnen dringend die Lektüre der Seite 2. Lenz, Sie in Zivil, und Sie, Endrikat, im dunklen Anzug und Krawatte. Wie Sie zur S-Bahn finden, wissen Sie ja.«
Den letzten Satz rief der Oberstleutnant schon vom Flur aus. Na, der hat es ja eilig, hier wegzukommen, dachte Burkhardt. Ihm war es recht. Zum Bahnhof Treptow war es lange nicht so weit zu laufen wie nach Stralau.
»Ein Polizist erwartet einen zweiten in einem Büro des Berliner Magistrats?«, hörte er Endrikat fragen. Burkhardt hatte keine Lust auf Erklärungen und machte eine abwinkende Handbewegung.
»Ihr Kleiderschrank?«

Michael XIII

Andreas Petersell am 12.04.2018, Michael und Gabriele


Pino hatte Recht. Jetzt, wo ihr Mann nicht mehr da war, konnte er zu ihr gehen, wann immer er es wollte. Dachte er. Aber Gabriele hatte auch noch ein Wörtchen mitzureden. Wie selbstverständlich hatte er angenommen, dass es ihr Mann war, der durch seine bloße Anwesenheit Regeln und Grenzen setzte. Jetzt war es Gabriele, die diese Grenzen durch ihre eigenen ersetzte. Seine Liebe zu ihr wollte es wissen, hier und jetzt, grenzenlos. Die Sonne stand hoch, als er die große Wiese des Parks betrat. Er riskierte es, dass sie noch gar nicht zu Hause war. Dann hatte er wenigstens das Glück der Diagonale genossen. Er näherte sich dem Mittelpunkt, als er etwas Grünes am Ende des Weges entdeckte. Ein Polizist? Jetzt latschen schon die Polizisten über diesen Trampelpfad. An seiner Seite ein Mann, der fast so aus sah wie Gabrieles Mann. Zumindest den Mantel hatte er schon mal gesehen. Ein Ausweichen war jetzt nicht mehr möglich. Also weiter! Ein paar Sekunden, nachdem sie einander passiert hatten, drehte sich Michael um und sah, wie der Polizist es ihm gleichtat. Komisches Paar, dachte er sich. Bis sich Michael seines lädierten Gesichts wieder gewahr wurde. Er war es, der mit seiner dicke Wange und blauem Auge komisch aussah! Hoffentlich würde er Gabriele mit seinem Veilchen nicht all zu sehr erschrecken.
Schließlich stand er vor ihrer Wohnungstür. Er ertappte sich dabei, wie er für einige Sekunden an ihrer Tür lauschte. Tatsächlich hörte er gleich hinter der Tür Geräusche. Sein Herz hüpfte vor Freude. Er liebte es, wenn sie die Tür öffnete und ihn erstaunt anlächelte. Wenn er einen Schlüssel hätte, müsste er auf dieses Lächeln verzichten. Aber er wollte diesen Schlüssel. Er drückte auf den Klingelknopf. Dieses Mal war weniger Lächeln in ihrem erstaunten Gesicht.
»Nanu, Du, Michael?« Gabriele öffnete die Tür ganz.
»Ja. Ich staune auch, dass du schon da bist?« Michael trat ein.
»Was ist denn mit dir passiert?« Sie zeigte auf sein Gesicht.
»Alles halb so schlimm. Ein Polizist wollte mich gestern Abend nicht zu dir durchlassen. Ich habe das wohl nicht gleich beim ersten Mal verstanden.«
»Wann war das?«
»Gestern Abend gegen neun.«
»Da war ein Polizist bei uns. Oder besser ein Stasimann.«
»Der wohl nicht gestört werden wollte. Sag mal, bist du gerade eben erst nach Hause gekommen?«
»Ja. Habe mich nach Hause schicken lassen. Ich fühle mich hundeelend. Warum fragst du?«
»Eben kam mir auf der großen Wiese ein Polizist entgegen. Mit einem Typen so groß wie dein Mann. Ockerfarbener Mantel.«
»Volker hat so einen Mantel.«
»Dann könnte der Typ Volkers Westbruder gewesen sein?«
Gabriele zuckte mit den Schultern.
»Du, lass mich so lange bei dir wohnen, bis Volker wieder zurück ist.« Michael drückte sie an sich und streichelte ihre Wange. Für Sekunden standen sie schweigend im Flur.
»Was meinst Du?«, fragte Michael flüsternd.
Bist du deswegen hier?«
Michael nickte leicht. Gabriele befreite sich aus seinen Armen und sagte: »Ich möchte, dass du jetzt gehst.«
Gabriele öffnete die Wohnungstür und Michael wusste, das es hier und jetzt für ihn nichts mehr zu diskutieren gab. Er ging hinaus auf den Flur.
»Wann sehen wir uns?«
Sie zuckte nur wieder mit den Schultern.
»Ich rufe dich an«, sagte Michael, während Gabriele langsam die Tür schloss.
Mist. Irgendwas lief hier schief.

Burkhardt X

Andreas Petersell am 24.04.2018, Burkhardt und Thomas


In der S-Bahn sprachen die beiden so gut wie nicht. Burkhardt wollte die Sache nicht vermasseln. Sollte ihn Paul erstmal richtig vergattern. Ob der Oberstleutnant so schnell einen IM aus Endrikat machen könnte, bezweifelte er.
»Warum haben Sie dem Jungen auf der Wiese so nachgestarrt?«, fragte Endrikat schließlich.
Burkhardt guckte aus dem Fenster. In der Mittagssonne hatte sogar der NARVA-Turm seine Drohkulisse abgelegt.
»Wussten Sie, dass Ihre Schwägerin einen jugendlichen Liebhaber hat?«
»Etwa dieser Bursche mit dem Veilchen?«
»Glaube schon.«
»Sie wissen doch sonst alles, Lenz?«
»Ich kann Ihnen nur raten, sagen Sie gegenüber diesem Burschen keinen Ton. Das ist für alle besser. Und am besten für ihn selbst.«
»Aber Beifall klatschen muss ich nicht, wenn ich die beiden erwische?«
»Tun Sie einfach alles, um Ihrem Bruder zu helfen.«
»Schon gut«, sagte Endrikat. »Habe gerade genug Sorgen.«
Sie liefen vom Alex zum Magistrat. Oberstleutnant Paul saß schon in Volker Endrikats Büro und trommelte nervös die Finger auf dessen Schreibtisch. Als Burkhardt mit Endrikat eintrat, nickte Paul anerkennend.
»Na bitte, Endrikat, geht doch. Schließen Sie die Tür, Lenz.«
Burkhardt nahm Endrikats Mantel entgegen und hängte ihn in den Kleiderschrank.
Dann nahm er zwei Stühle und stellte sie vor Endrikats Schreibtisch und zeigte mit der Hand darauf.
»Genosse Endrikat, der Sie ja sind; auf Sie ruhen die Hoffnungen von vielen DDR-Bürgern, die auf einer Warteliste für eine Wohnung stehen. Morgen beginnen die letzten Verhandlungen zum Verkauf von Grundstücken im Arbeiterviertel Schöneweide. Die Häuser sind marode. Wir möchten dort ein modernes Stadtviertel bauen. Mit Warmwasser und modernen Bädern, Fernwärme und vieles mehr. Sie wissen schon.« Paul machte eine Pause und wartete auf eine Erwiderung Endrikats.
»Wann kann ich das Quartier sehen?«, fragte er.
»Das wird knapp. Wenn Sie mit den wichtigsten Akten und Angeboten durch sind. Gegen 18 Uhr.«
»Wer wird bei den Verhandlungen zugegen sein?«
»Das wird Ihnen Genosse Lenz erzählen. Die Vertreter von Eigentümern aus den USA, Israel und der BRD.«
»Ein Vertreter der Interessenvereinigung Westdeutscher Immobilienbesitzer, Dr. Schrödinger, kann leider nicht dabei sein«, warf Burkhardt ein. »Er wird durch einen Zwischenfall an der Grenzübergangsstelle aufgehalten werden.«
»Werden?« Endrikat zog die Brauen hoch.
»Er kennt Volker Endrikat sehr gut. Leider zu gut«, sagte Burkhardt.
»Dann platzen die Verhandlungen, fürchte ich.«
»Keine Sorge, Genosse Endrikat. Wir lassen rechtzeitig Frau Mohn kommen. Eine Anwältin aus West-Berlin. Die beiden sind gleichermaßen vertretungsberechtigt«, mischte sich Paul wieder ein.
»Warum gibt es eigentlich Verhandlungen? Warum nicht einfach ein faires Kaufangebot?«, fragte Endrikat?
»Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Wir haben nicht so viel Devisen«, erklärte Burkhardt. Die Sache lief gut. Thomas Endrikat war willig, seinen Betrag zu leisten. Er zog sich einen frischen Zahnstocher.
»Genauer gesagt liegt er im Morast.« Burkhardt grinste.
»Wer?«
»Der Hase.« Jetzt musste auch Oberstleutnant Paul lachen.
»Nein, mal im Ernst. Die Häuser der Gründerzeit zeigen Risse, weil sie der morastige Untergrund am Spreeufer nicht mehr trägt.«
»Lassen Sie mich raten; damit soll ich morgen aufwarten?«, fragte Endrikat.
»Ja, die Gutachten sind fertig«, sagte Burkhardt.
»Kann ich sie sehen?«
Paul zeigte auf den anderen Schreibtisch.
»Genosse Lenz wird Ihnen morgen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Er wird Sie jetzt in die Materie einführen. Um 18 Uhr steht ein Wartburg gegenüber dem Haupteingang zur Fahrt nach Oberschöneweide bereit.«

Michael XIV

Andreas Petersell am 26.04.2018, Michael und Pino


»Nanu, statt Frettchen jetzt Schallplatten und Kassetten in der Schrankwand? Wo ist denn das Vieh hin?«, fragte Michael.
»Hat Hausverbot.«
»Willst du darüber reden?«
»Nicht wirklich. Bisschen zu viel Action nachts«, sagte Pino.
»Und wo steigen jetzt die Partys?«
Pino zeigte Richtung Fenster.
»Verstehe.«
»Pino, kannst Du mal noch ein Brot kaufen gehen?«, rief Emma aus dem Wohnzimmer. Es war halb sechs. In einer halben Stunde machte die Kaufhalle zu.
»Und wenn es keins mehr gibt?« Pino und Michael standen im Flur und zogen sich die Jacken an.
»Knäcke.«
»Und wenn es kein Knäckebrot mehr gibt?« Pino grinste.
»Haut jetzt ab, Jungs. Der Laden schließt gleich. Die 78 Pfennig werdet ihr ja wohl noch haben, was?«
»Ja, ja, bis gleich.« Die Kaufhalle lag gleich gegenüber dem Torbogen. Sie zogen los.
»Ach übrigens, habe gestern deine Liebste gesehen«, sagte Pino.
»Ach so?«
»Ja, lief mit einem Typen aus´m Haus und bog dann zwei Straßen weiter in eine Nebenstraße ein.«
»Da wohnt ihre Mutter. Erzähl mir mal lieber, was du in Treptow zu schaffen hast?«
»Hab bei unserer Nachtwanderung mein Feuerzeug am Fahrrad verloren. Echtes Zippo.«
»Wo kriegt man denn so was her?«
»War in der Schublade vom kleinen Nähtisch. Du rauchst doch nicht. Darum habe ich es mir gleich eingesteckt.«
»Du Hund. Es war abgemacht, dass wir alles, was wir auf den Dachböden finden, gerecht teilen«, sagte Michael grinsend.
»Zigarette?«
»Nee, danke.«
»Na siehste.«
»Wohin ist der Typ gegangen?«, fragte Michael.
»Das war auch so´n Ding. Er geht Richtung Bahnhof und setzt sich auf die erstbeste Bank und holt einen Boonekamp aus der Manteltasche.«
»Ein Penner?«, fragte Michael.
»Dann ist es ein intelligenter Penner. Hat ein Neues Deutschland gelesen.«
»Ein Westler mit einem ND und einem Boonekamp? Der lebt sich aber schnell ein, findest du nicht? Und dann?«
»Das ist ja das Komische. Er bückt sich und schiebt das leere Fläschchen unter die Bank. Er hätte es aber leicht in den Papierkorb daneben schmeißen können. Dann köpft er eine zweite Flasche, kippt sie aus und steckt sie wieder in die Manteltasche. Bis er schließlich aufsteht und in Richtung Bahnhof schlendert.«
»Hat wohl doch nicht so gut geschmeckt«, sagte Michael.
»Dann trinke ich einen Schluck und schmeiße die Flasche angewidert in den Papierkorb. Oder, wenn ich wirklich ein Penner bin, im hohen Bogen in die Büsche.«
»Bis du ihm gefolgt?«
»Ja. Er ist wie gesagt Richtung Bahnhof. Am Ende des Weges steht vorm Bahnhof ein Stromkasten. Davor hat er die zweite Flasche abgelegt. Ist dann weiter bis zum Bahnhof und hoch auf den Bahnsteig. Da hat er bestimmt zwei Bahnen fahren lassen, ohne einzusteigen. Ist danach wieder runter und über die große Wiese zurück zur Wohnung gelaufen.«
»Verstehst Du das?«, fragte Michael.
»Nee.«
»Wo hat er genau gestanden, auf dem Bahnsteig?«
»Vor der ersten Sitzbank mit dem Stationsschild Treptower Park
In der Kaufhalle erwartete sie eine Schlange von Menschen, die nach einem Einkaufswagen anstanden. Als ihnen ein Wagen zugeschoben wurde, stampften sie geradewegs zum fahrbaren Brotregal. Fünf Brote lächelten sie an. Pino nahm ein Blatt Papier, welches im Regal lag, und versuchte, sämtliche Brote auf ihren Frischegrad zu testen. Das, welches unter seinen Fingern am meisten nachgab, wanderte in den Korbwagen. Leider war die Schnellkasse genauso lang wir die anderen Kassenschlangen. Immerhin hielten sich die meisten Kunden an die Drei-Artikel-Regelung.
»Hej, du willst zwei Zwanzig-Pfennig-Stücke weggeben? Gib sie mir und ich bezahle.«
Pino lachte und gab Michael die beiden schweren goldfarbenen Münzen.

Burkhardt XI

Andreas Petersell am 01.05.2018, Burkhardt und Thomas


Obwohl Sonnabend war, waren die Straßen voller Menschen. Sie strömten ins Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz, in die Markthalle und in die Rathauspassagen. Der reservierte Parkplatz hinterm Rathaus war fast leer. Auf den Gängen im Magistrat herrschte angenehme Stille. Auch heute, drei Tage nach Volker Endrikats Verschwinden, gab es immer noch kein Lebenszeichen von ihm. Die Offiziere im besonderen Einsatz beim Klassenfeind hatten in der Wohnung des Westbruders keinen Volker gesichtet. Auch bei seiner Mutter in Neubrandenburg war er nicht aufgetaucht.
Burkhardt beobachtete Thomas Endrikat im Kleinen Ratssaal auf der Bürgermeister-Etage. Wie lange können wir das Spiel mit Thomas Endrikat, dem Bundesbürger, noch treiben, fragte sich Burkhardt. Das konnte nicht mehr lange gutgehen. Wenigstens die Verkaufsverhandlungen liefen gut an. Dr. Schrödinger wurde am Bahnhof Friedrichstrasse die Einreise verweigert und unter fadenscheinigen Gründen aufgehalten. Frau Dr. Mohn traf gegen 10:30 Uhr ein. Endrikat eröffnete souverän die Veranstaltung und kam rasch auf die Entdeckung der Risse zu sprechen. Professor Hahnemann vom ZGI las sein Gutachten vor, welches mit unverhohlenem Kopfschütteln begleitet wurde.
»Warum wird das erst jetzt publik?«, rief Dr. Mohn.
»Wir haben die Risse schon lange im Visier. Erst schrieben wir die Risse dem schlechten Bauzustand der Gebäude zu und haben deswegen keine geologischen Prüfungen in Betracht gezogen. Im letzten Jahr zeigten sich aber Risse an fast allen Gebäuden, unabhängig von deren Baujahr und Bauart«, sagt Thomas Endrikat.
»Uns ist nichts bekannt von Rissen. Wie ist das möglich?«, rief ein anderer. Burkhardt konnte das Namenskärtchen nicht erkennen. Er konnte nur das Logo der Jewish Claims Conference erkennen.
»Man muss schon sehr genau hinschauen, und das an Stellen, wo der Mieter normalerweise nicht vorbeischaut«, sagte Burkhardt.
»Wir möchten eigene Bohrungen auf unseren Grundstücken machen«, rief Dr. Mohn kopfschüttelnd.
»Ausgeschlossen!«, rief Burkhardt. »Glauben Sie, das Zentrale Geologische Institut ist ein Verein von Hobbygoldsuchern?«
Für die anwesenden Interessenvertreter war Burkhardt nur ein Staatsbeamter ohne Namen. Alle Augen richteten sich auf Endrikat. Er war der Verhandlungsleiter des Magistrats. Auf Endrikats Gesicht lag ein Hauch von Glückseligkeit.
»Einverstanden«, sagte er. »Die Bohrungen, maximal drei Stück, werden von den Immobilieneigentümern durchgeführt und die Kosten getragen. Sie benennen uns in vierzehn Tagen die West-Berliner Bohrfirma und die Stellen, an denen eine Bohrung vorgenommen werden sollen. Die Immobilienbesitzer übernehmen ebenso die Kosten für das Schließen der Löcher und haften für eventuelle Schäden an unterirdischen Versorgungsleitungen. Spätestens eine Woche nach Eingang Ihrer Informationen erhalten Sie den Termin zur Bohrung.«
Ein Vertreter klatschte, während einige Übersetzer noch leise ihren Kunden Endrikats schnelle Wendung übersetzten.
»Ab jetzt nichts mehr ins Protokoll, bitte.« Endrikat schloss ostentativ seine Akten und stand auf. Burkhardt war noch zu keiner abschließenden Bewertung dieses Endes gekommen. Abgesprochen war das so nicht! Es ärgerte ihn, dass er diese mögliche Forderung nicht vorhergesehen hatte. Und vielleicht hatte Endrikat ja nicht ganz Unrecht. Die Vertreter hätten unnötig lange gemauert. Immerhin hatte er die Kosten für eine Bohrung den Besitzern aufgebrummt. Wer weiß, ob dieser Professor jemals eine Bohrung durchgeführt hatte? Dem müsste bald eine Erklärung ob der abweichenden Ergebnisse beider Bohrungen einfallen. Burkhardt verabschiedete sich höflich von den umstehenden Gästen und überließ Endrikat und dessen Mitarbeitern, das Treffen am Buffet ausklingen zu lassen. Oberstleutnant Paul erwartete ihn zwei Etagen tiefer zum Rapport.

Michael XV

Andreas Petersell am 07.05.2018, Michael und Gabriele


Konstantin schoss auf ihn. Michael nahm seine Hand aus der Jackentasche und schoss zurück. Dann rannte er schnell über den Hof zur Eingangstür und brachte sich in Sicherheit. Gabriele öffnete lächelnd und ließ ihn hinein.
»Ist Thomas da?«, fragte er unverfroren.
»Nein. Ist im Roten Rathaus und spricht mit Immobilienbesitzern aus dem Westen.«
»Verstehe ich nicht. Und Du?«
»Er ist Immobilienhändler. Er weiß, wovon er spricht.«
»Im Roten Rathaus? Na ja, ist mir auch egal. Ich möchte nicht mit Dir im Streit auseinandergehen wie letztes Mal. Ich hab´s nicht mehr ausgehalten und musste dich sehen.«
Gabriele sah müde aus, auch wenn sie lächelte. Michael rieb seine Wange an ihrer und küsste sie behutsam.
»Michael, das wird mir gerade alles ein bisschen viel. Ich muss für Konstantin stark sein. Er fragt nach seinem Papa. Volkers Bruder fragt mich tausend Dinge und erwartet noch viel mehr von mir. Und ob Du es glaubst oder nicht, Volker ist mein Mann. Zu wissen, dass ihm etwas zugestoßen sein kann, macht mich krank. Wenn er abgehauen ist, dann ist es so. Angeblich soll er in Untersuchungshaft sitzen. Warum darf ich nicht mit ihm sprechen?«
Michael streichelte ihr durchs Haar. Sie drückten sich fest aneinander. Michael wusste keine Antworten. Er wusste nur, dass er sie spüren musste. Wer wen zur Couch führte, wusste er danach nie. Nur dass er unter ihren Pullover strich und ihre weichen Brüste berührte. Wie auf Verabredung öffneten sie beide ihre Gürtel, als es plötzlich klingelte. Gabriele sprang auf, schloss ihren Gürtel und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
»Komme!«, rief sie.
Michael hörte helle Kinderstimmen. Durst! Er schloss seinen Gürtel und trat auf den Balkon. Durch den Lärm der Straße hörte er vom Inneren der Wohnung nichts mehr. Nach einigen Minuten hörte er vertraute Indianerstimmen im Hof. Er ging wieder hinein. Gabriele hantierte in der Küche.
»Ich muss schnell rüber in die Kaufhalle. Kommst du mit?«, fragte sie.
Er würde sie in die Hölle begleiten, aber irgendwie war ihm heute nicht nach Alltag. Erstens würde er den gemeinsam gekauften Käse nicht mit ihr gemeinsam essen können, und zweitens war der Alltag der Nahrungsbeschaffung nicht mit Gabriele vorgesehen.
»Ich begleite Dich runter.«
Vor der Kaufhalle blieben sie stehen.
»Du hast vorhin gesagt, Volkers Bruder erwartet noch viel mehr. Was meinst Du damit?«
Gabriele Strahlen verschwand. »Er meinte, dass wir uns nicht mehr sehen sollen.«
Klingt mehr nach einem Befehl als ein guter Rat, meinst Du nicht?«
»Vielleicht wäre es besser. Bis wir wissen, was mit Volker los ist. Thomas macht sich Sorgen um seinen Bruder.«
»Und ich mache mir langsam Sorgen wegen Thomas. Kannst Du das nicht allein entscheiden?«
Sie verabschiedeten sich ohne Kuss. Warum eigentlich? Volker war im Westen, weit weg. Was kümmerten ihn Gabrieles Nachbarn, die zufällig sehen könnten, wie sie sich küssen? Was kümmerte ihn Volkers Bruder?
Er überquerte die Straße Am Treptower Park und wusste, dass er nicht die Diagonale über die Wiese nehmen würde. Dieser Weg war der Vorfreude vorbehalten. Er bog in den Rundweg und sah die erste Bank am Wegrand. Was hatte Pino erzählt? Die erste Bank. Er setzte sich und schaute nach beiden Seiten. Er kam sich deplatziert vor. Wer setzte sich auf eine Bank, die an einem Weg stand, die zum Bahnhof führte? Und wenn sie zehnmal im schönsten Park der Stadt stand. Als er niemanden sah, beruhigte sich Michael. Da sah er sie, das Boonekamp-Fläschchen unter der Bank. Er bückte sich nach ihr und musste dabei fast unter die Bank kriechen. Er setzte sich wieder, die Flasche in der Hand. Der Papierkorb war groß genug. Wer hier saß und den Korb nicht traf, war voll wie eine Haubitze. Aber von einem Minifläschchen?
Auf einmal hörte er eine sabbernde Hundeschnauze. Michael setzte sich wieder aufrecht. In 50 Metern Entfernung sah er das Frauchen sich nähern. Fehlte noch, dass die sich zu ihm auf die Bank gesellte! Gott sei Dank war der Dackel schon weitergewedelt. »Guten Tag«, sagte er zur ihr. Die Dame nickte nur andeutungsweise.
Jetzt wusste Michael, dass man schon mindestens eine Zeitung bräuchte, um es auf einer Bank auszuhalten. Seine Zeitung, das Neue Deutschland, lag bei ihm oben im Zimmer. Seit einer Woche bekam er die Zeitung jeden Morgen in den Briefkasten. Das Verrückte war, dass Gorbatschows Reden ausgerechnet nur im ND gedruckt wurden. Aber er würde das ND nie auf der Parkbank lesen. Wie hatte Pino ihm versichert?Wenn seine Kollegen ihn mit dem ND irgendwo erwischen würden, würden sie ihn hinter den Bahnhof zerren und richtig durchprügeln. Nein, das ND war nichts für die Parkbank. Aber auch die Berliner Zeitung las er lieber zuhause. Was hatte Gabrieles Westverwandter auf der Parkbank verloren? Michael rückte weiter weg vom Papierkorb, aus dem sich ein Gestank erhob.
Was genau hatte Pino erzählt? Thomas Endrikat saß auf der Bank, mit der Zeitung in der Hand. Was hatte Pino übersehen? Michaels linke Hand ließ die imaginäre Zeitung los und tastete die Umgebung ab. Seine Finger spürten etliche Holzlatten und ein Metallrohr. Sein Daumen war fast versehentlich im Rohr gelandet. Er spürte etwas glattes und weiches zugleich. Er bekam es zu fassen und zog es hinaus. Es war etwas vertrautes, aber unter diesen Umständen? Eine Plastiktüte mit dem blauen Aufdruck Trinkvollmich. Michael brauchte nicht lange, um den Pragmatismus dahinter zu entdecken. Er ließ den Brief darin ungeöffnet und stürmte los.

Depesche 2

Andreas Petersell am 02.11.2018


Hallo D. Ich hoffe, Sch. hat Deine Koordinaten an die IV weitergegeben. Der Termin für die Bohrung ist auf Anfang Juni gesetzt. Für die Genehmigung Deiner Bohrung bin ich zuversichtlich, denn die Ecke ist unbebaut.
Ich habe es mir überlegt. Ich möchte Dir doch von Land und Leuten berichten, denn meine Situation ist bizarr und gefährlich. Bekommst Du keine Depeschen mehr, ist mir etwas zugestoßen. Meine Telefone werden abgehört, meine Briefe werden mitgelesen. Die Menschen hier, obwohl eingesperrt, sind genauso glücklich oder unglücklich wie wir. Wie ist das möglich? Gruß T.

Michael XVI

Andreas Petersell am 03.11.2018, Michael und Pino


»Verstehst Du das?«, Michael gab den kurzen Brief Pino.
»Nee. Wer ist D? Wer ist Sch.? Was für eine Bohrung und wo? Das einzige, was ich verstehe, sind die letzten Sätze. Da hat jemand entdeckt, dass wir Menschen sind.«
»Die noch glücklicher sein könnten, wenn sie in den Westen könnten?«, grinste Michael.
»Ja. Warum nicht?«
»Lass uns nachdenken. Volkers Bruder ist ein Westler. Und der Empfänger ist ebenfalls ein Westler. Der Brief soll in den Westen geschmuggelt werden. Aber von wem und wie?«, fragte Michael mehr zu sich selbst.
»Hat dich jemand gesehen, wie du auf der Bank gesessen hast?«
»Nicht, dass ich wüsste. Eine Omi kam mit einem Hund vorbei. Hat mich komisch angeguckt, ist aber dann weiter.«
»Wieso komisch?«, fragte Pino.
»Vielleicht hat sie mich noch gesehen, wie ich unter die Bank gekrochen bin, um die Schnapspulle zu angeln.« Michael fasste in die Jackentasche und zog das Boonekamp-Fläschchen hervor. Pino nahm sie und warf sie in die Luft und fing sie wieder. Immer wieder. Bis er anfing, der Flasche eine Drehung mit auf dem Weg zu geben, so dass sie wie eine Lindennase durch Pinos Zimmer sauste. Plötzlich kam ein schwarzes Knäuel und schnappte sich das Näschen und verschwand wieder im Flur. Pino prustete vor Lachen.
»Jungs, geht mal mit dem Hund runter«, rief Emma aus dem Wohnzimmer, um plötzlich mit der Flasche in der Tür zu stehen. »Hey, fangt ihr jetzt noch an zu saufen?
Das Rauchen reicht euch wohl noch nicht?«
Michael packte den Brief in den Umschlag zurück und stand auf. »Schon gut, die habe ich gefunden.«
»Und jetzt geht er sein Pionierhalstuch holen, um die Flasche anschließend beim Altstoffhandel abzuliefern« Pino klopfte sich auf die Schenkel und bekam sich vor Lachen nicht mehr ein.
»Los, raus jetzt mit euch!«, lachte auch Emma. Pino und Michael starteten ihre übliche Gassirunde. Es dämmerte langsam und es wurde kühl.
»Willst du den Brief eigentlich wieder zurückbringen?«, fragte Pino wieder mit dem nötigen Ernst.
»Weiß ich nicht. Was meinst Du?«
»Offensichtlich ist es ja ein Versteck. Vielleicht folgen ja noch einige Briefe?«
»Du meinst, so etwas wie ein toter Briefkasten?«
»Ja. Wie in einem Agentenfilm. Schließlich haben wir den Briefumschlag mit Dampf geöffnet, um ihn wieder verschließen zu können.« Pino sah in der Dämmerung schon aus wie ein Agent.
»Depesche 2. Einen Brief haben wir schon verpasst«, sinnierte Michael.
»Weißt du was? Eigentlich ist es egal, wer die Depeschen abholt und wie das alles funktioniert. Hauptsache ist, dass derjenige es auch weiter macht. Und uns nicht erwischt beim Mitlesen.«
»Dann muss der Brief Nr. 2 heute noch zurück«, meinte Michael.
»Ich habe heute keine Lust mehr«, grollte Pino. »Dann ist der Briefkasten heute eben mal leer.«
Michael zuckte mit den Schultern. So scharf war er auf einen Extra-Spaziergang nun auch nicht. Plötzlich rief er: »Wir müssen auch nicht! Das Fähnchen ist unten!«
»Hä? Was für ein Fähnchen?«
»Ich habe mal einen Ami-Film gesehen. Immer, wenn der Zeitungsjunge die Zeitung in ein Rohr gesteckt hatte, hat er ein Fähnchen am Rohr aufgestellt. So eine Art Briefkasten, nur für die Zeitung. Und das Fähnchen war drangeschraubt. Die Bewohner des Hauses konnten durch die Scheibe sehen, ob die Zeitung schon da war.«
»Durch die Scheibe?«
»Die Boonekamp-Flasche, du Super-Agent!«
»Ah…« Jetzt hatte es bei Pino Klick gemacht. »Und die hast du zufällig weggenommen.«
»Genau. Wir haben also Zeit. Wir kaufen morgen die gleichen Umschläge und bringen den Brief zurück. Wir dürfen nur nicht vergessen, die Pulle wieder unter die Bank zu legen.«
»Und die andere Flasche? Welche Bedeutung hat die?«
»Keine Ahnung. So lange wie wir es nicht wissen, lassen wir sie erstmal liegen.«
»Ich wollte sowieso noch mal auf den Bahnsteig Treptower Park. Endrikat hat dort gestanden und mindestens zwei Bahnen wegfahren lassen. Um dann wieder kehrt zu machen. Ist doch komisch, oder?« Pino sah Michael fragend an.
»Lass uns das morgen machen. Für heute pinseln wir den Text ab und kleben den Umschlag wieder zu.«
»Alles klar, Chef.«
»Selber Chef. Ich komme nach Feierabend vorbei. Vergiss bloß nicht, die Boonekamp-Flasche aus dem Müll zu holen.«
Als sie durch den Torbogen waren, trennten sich ihre Wege.

Burkhardt XII

Andreas Petersell am 11.11.2018, Burkhardt


Oberstleutnant Paul erwartete ihn schon. Major Lenz nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu Paul an den Schreibtisch.
»Wusste gar nicht, dass Sie einen Schlüssel zu Endrikats Büro hier haben, Genosse Paul. Lenz war es anzusehen, dass er keine Antwort erwartete.
»Es ist Samstag. Zeit, sich über Endrikats Fortschritte zu informieren.«
»Trauen Sie mir nicht, Genosse Paul?«
»Doch. Schießen Sie los! Wie ist die Verhandlung gelaufen?«
»Der offizielle Teil war recht schnell zu Ende. Der danach dauerte länger. Thomas Endrikat scheint sich gute Freunde in der Interessenvertretung zu machen. Ich hoffe nur, dass er sich nicht verquatscht oder sein bisschen Dialekt ihn doch noch verrät.«
»Der einzige aus dem Norden ist Dr. Schrödinger. Und ein Zusammentreffen der beiden werden wir zu verhindern wissen. Lassen Sie das meine Sorge sein. Sie brauchen sich nur um Endrikat kümmern, welchen auch immer. Also, wie ist es gelaufen?«
»Wir haben eine neue Entwicklung. Endrikat hat vereinbarungsgemäß von den Rissen gesprochen und an Professor Hahnemann übergeben. Die glauben aber nicht der Expertise des Zentralen Geologischen Instituts. Sie wollen ihre eigenen Bohrungen durchführen. Endrikat hat ihnen das sofort gestattet.«
»Mist. Was schlagen Sie vor, Lenz?«
»Endrikat hat wohl richtig gehandelt. Er hat sofort entschieden, was ihm im Ansehen wohl sehr geholfen hat. Und vielleicht hat er das Ganze auch beschleunigt. Es wäre wohl wochenlang nichts passiert.«
»Was schlagen Sie vor, Lenz?«, fragte Lenz unbeirrt.
»Die Risse in den Häusern sind da. Die Häuser sinken im Wert. Ist der Morast nicht da, behalten die Grundstücke ihren Wert und wir können sie nicht erwerben. So einfach ist das.«
Paul nickte. »Wenn wir uns schon die Grundstücke nicht leisten können, müssen wenigsten die Häuser weg.« Er zündete sich eine Zigarette an und hielt Lenz die Schachtel F6 hin.
»Den Rauch werden sie am Montag riechen.« Er zog sich einen Zahnstocher aus dem Röhrchen.
»Und wenn schon. Endrikat würde sich eher wundern, wenn wir ihn nicht beobachten.« Paul zog eine Schublade auf. »Neues Deutschland?« Paul zeigte auf die zwei Zeitungen in der Schublade. »Sehr lernbegierig, der Genossen Endrikat aus dem Westen. Was man vom Ost-Genossen nicht so sagen kann. Am Ende machen wir noch einen IM aus ihm? Ich werde mal einen Vorgang Feuchtgebiet anlegen. Und Sie, Major, bitte ich bis Dienstagabend um einen genauen Bericht. Wer was von wem gesagt, Sie wissen schon.« Paul schob die Schublade mit einem Knall wieder zu und stand auf.
»Ich hab´s!«, rief Lenz.
»Was?«
»Wenn wir uns die Grundstücke nicht leisten können, sollen die sich die Häuser nicht mehr leisten können!«
»Es sind ihre! Wie meinen Sie das?«
»Wir werden ihnen hohe Auflagen zur Modernisierung erteilen. Das ganze Programm. Und das sehr kurzfristig. Bei den geringen Mieteinnahmen sollte es mich wundern, wie die das stemmen wollen. Wir bieten ihnen an, die im Wert gesunkenen Häuser abzukaufen. Oder besser, die Ruinen.«
»Nicht schlecht, Lenz. Hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Davon in Ihrem Bericht erstmal nichts. Ich bespreche das mit den Generälen. Wenn Sie so weiter machen, vielleicht wird ja Oberschöneweide über Nacht noch ein Feuchtgebiet mit Sumpfdotterblumen in den Hinterhöfen? Machen Sie jetzt Wochenende, Genosse Lenz.« Er übergab Lenz seine Kippe und verließ das Büro.

Michael XVII

Andreas Petersell am 13.11.2018, Michael und Pino


Michael und Pino hatten Glück. Sie bekamen die gleichen Umschläge, wie Endrikat sie nutzte.
»Wir wissen nicht, wann Endrikat die Briefe dort ablegt. Und auch nicht, wann sie abgeholt werden«, sagte Michael. Beide standen an der S-Bahn-Tür und guckten den Hochhäusern im Westen in der Abendsonne hinterher. Sie stiegen am Bahnhof Treptower Park aus und liefen zielstrebig auf das erste Stationsschild zu. Es war eine Holzsitzbank. Darüber prangte in Emaille »Treptower Park«. Daneben ein roter ranziger Müllcontainer.
»Wo genau stand er?«
»Hier.« Pino stellte sich neben die Bank.
»Ich kann nichts entdecken. Du?«
»Nein. Keine Boonekamp-Fläschchen, kein Zettel, kein nichts!«
»Komm, wir gehen zur Bank«, sagte Pino.
»Na los. Willst Du über den Trampelpfad gehen und beobachten, wer kommt?«
»Bringt nichts. Lass uns zu zweit auf der Bank sitzen. Fällt nicht so sehr auf, als wenn nur einer da alleine rumhängt.«
»OK. Du legst die Flasche hin, ich die Tüte.«
Sie bogen in den halbrunden Parkweg ein. Lieber wäre Michael jetzt zu Gabriele gegangen. Aber er musste Agent spielen. Pino holte ihn aus seinen Träumen.
»Lass uns mal überlegen. Der Bote nimmt die Depesche und entfernt die Flasche. Dass heisst, Endrikat muss ganz schön viel Milch und Schnaps trinken. Meinst Du nicht auch?«
Michael überlegte und nickte. »Vielleicht kippt der Bote das irgendwo ab und der Westler sammelt es wieder ein?«
»Dann sind sie vielleicht gekennzeichnet?«, mutmaßte Pino. Er nahm die Flasche aus der Tasche und untersuchte sie. »Der Preis ist aus dem Etikett gerubbelt.«
»Dann machen wir das ab sofort auch«, beschloss Michael.
»Du, sag mal, ist das nicht alles ein bisschen anstrengend?«
»Wie meinst Du das?«, fragte Michael.
»Wir können nicht so oft hier her. Schon gar nicht zweimal. Brief holen und wieder zurückbringen.«
»Hast Recht. Ich könnte den Zettel gleich abfotografieren.«
»Fällt gar nicht auf. Möglichst mit deinem dicken Blitzlicht auf der Kamera! Mann, ich hab den Lenz hier rumlungern sehen. Und seine Knappen sind bestimmt auch in der Nähe.«
Pino hatte Recht. Die Sache war schwieriger als gedacht. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war viel zu groß.
»Meine Schwester hat noch so ein Mira. Ein Diktiergerät mit Mikro«, fiel Michael ein.
»Cool. Du willst die Depesche gleich ins Mikro quatschen? Ein Versuch ist es wert. Halt die Augen auf. Die Bank kommt.«
Beide wussten um ihre Jobs. Nach wenigen Sekunden standen sie wieder auf.
»Lass uns noch die andere Flasche untersuchen.«
»Na, Zeit, um neue Boonekamp-Flaschen zu kaufen, was?«, witzelte Pino. »Du hast ja bald Spritis als Nachbarn. Da ist es immer gut, eine Flasche am Mann zu haben.«
»Ach was. Gestern flatterte die Ablehnung der KWV ins Haus.« Michael hob die Flasche neben dem Stromkasten auf. »Preis fehlt.«
»Stell zurück, schnell« sagte Pino.
»Aber was bedeutet das?«

Depesche 4

Andreas Petersell am 20.11.2018


Hallo D. Inzwischen habe ich mich eingelebt. Alle halten mich für meinen Bruder. Langsam tue ich es auch. Ich gehe regelmäßig in seinen Klamotten zur Arbeit. Die Kollegen sind nett. Einer hat mir gezeigt, wo ich heimlich rauchen kann. Ich gäbe alles für ein Westpaket voller Marlboro-Schachteln. Die Pfeffis hier sind klein, eckig und extra kantig. Hat man sie endlich rund gelutscht, sind sie auch schon verschwunden. Von Zeit zu Zeit gehe ich zu meinem Führungsoffizier, wenn ich Dinge entdecke, die man beim Magistrat besser machen könnte. Nach ein paar Tagen ändert mein Abteilungsleiter bestimmte Dinge. Stell Dir vor: ich baue konspirativ den Kommunismus mit auf! Vielleicht gehe ich mal wegen der Pfeffis zum ihm. Ich wette, nach zwei Wochen sind die Drops rund.
WICHTIG: Organisiere ein TV-Team zum Zeitpunkt der Bohrung. Lass ein SFB-Team über die Elektropolis Oberschöneweide berichten, welches dann zufällig die Bohrung filmt. Was immer wir finden, die Öffentlichkeit schützt uns. Gruss T

Depesche 5

Andreas Petersell am 20.11.2018


Hallo D. Hier ist alles grau und voller Lärm. Der Putz fällt von den alten Häusern und die Trabis stinken und knattern. Doch die Menschen ziehen mich in ihren Bann. Auf der Arbeit klappt es immer besser. Am Abend fahre ich mit der S-Bahn heim. Manchmal fahre ich eine Station weiter bis Plänterwald. Dann kann ich die Mauer sehen und weiß, dass das alles kein Traum ist. Auf dem Heimweg denke ich nur an sie, meine Schwägerin G. Bis das Telefon klingelt und ihr Liebhaber dran ist. Wie lange ich das noch aushalte, weiß ich nicht.